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Ekelhaft ist, was empört

Nahrungstabus, die sich auf pflanzliche Produkte beziehen, spielen weltweit eine absolute Nebenrolle – Verbote, bestimmte Fleischarten zu essen, und damit einhergehender Ekel sind hingegen in sehr vielen Kulturen bekannt.

Ekel als Emotion hat zunächst einmal die Funktion eines natürlichen Schutzmechanismus, doch beim Fleisch ist die Sache kompliziert: War­um ekeln wir uns vor etwas, was theoretisch gesundheitlich unproblematisch wäre? Dabei ist klar: Die Fähigkeit, sich zu ekeln, ist universell im Menschen angelegt; wovor man sich konkret ekelt, ist Ergebnis eines – kulturell bedingten – Lernprozesses. Wenn auch Kleinkinder sehr früh Ernährungspräferenzen entwickeln, setzt die Fähigkeit zum Ekel, zum Beispiel auch vor den eigenen Ausscheidungen, erst im Alter von drei bis fünf Jahren ein. Kulturspezifische Prägungen haben grosses Gewicht: In China gilt Weichkäse gemeinhin als «verschimmelte Milch», während im Westen fermentierte rohe Enteneier landläufig nicht als grosser kulinarischer Genuss betrachtet werden.

Zunächst lässt sich leicht erklären, dass der Ekel vor potenziellen Krankheitsbringern wie Speichel, Kot, Urin oder Blut unmittelbar dem Schutz des Menschen dient. Dass umgekehrt der Ekel gerade auch die Folge einer – moralischen – Ablehnung sein kann, haben die Psychologen Paul Rozin und Jonathan Haidt in ihren Studien nachgewiesen: So weigerten sich die meisten ihrer Probanden, einen gereinigten Pullover zu tragen, wenn man ihnen zuvor sagte, dass ihn ein Sexualstraftäter getragen habe. Und Vegetarier empfinden eher heftigen Ekel ge­gen­über Fleisch, wenn sie aus moralischen und nicht gesundheitlichen Gründen dessen Verzehr ablehnen.

Der Ekel dürfte bei der Entstehung von Nahrungstabus nicht am Anfang gestanden haben. Ethnologen haben eine Reihe von Erklärungsansätzen vorgeschlagen: Marvin Harris sieht Nahrungstabus als Folge einer Kosten-Nutzen-Analyse im Hinblick auf effi- ziente Nahrungsversorgung. Gemäss dieser Theorie sind Kühe in Indien lebend wertvoller, als wenn man sie verspeisen würde. Im Mittleren Osten dürfte das Schwein nach der Abholzung von Wäldern zur Gewinnung von Ackerland zum ungünstigen Nutztier geworden sein: Anders als Wiederkäuer reicht ihnen Gras nicht, sie eignen sich ohnehin nicht als Reit- oder Zugtiere. Nach der Theorie von Edmund Leach sind Tiere dann nicht essbar, wenn sie entweder als zu fremd oder zu verwandt eingestuft werden, in Mitteleuropa also Raubtiere oder Insekten, aber auch Affen oder Hunde. Er sieht Parallelen zum Inzesttabu: Ist die Beziehung sehr nahe, gilt das Heiratsverbot, entsprechend sind Schosstiere nicht essbar. (ua)

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