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Eleganz und Parodie

zürich. Im Zürcher Opernhaus heisst es: (Studio-)Bühne frei für das Junior Ballett. Es gestaltet hier solistisch neue Choreografien und wartet mit einem reizvollen Programm fürs Auge auf.

Zwar hat man einzelne Mitglieder der Nachwuchscompagnie bereits im Kassenschlager «Romeo und Julia» von Christian Spuck sehen können, allerdings eher im Hintergrund, aber gut aufgehoben im Corps de ballet des «richtigen» En­sem­bles, wo die meisten der jungen Tänzer auch hinwollen, wohl am liebsten als Solisten. Vorher müssen sie sich, die sie meist frisch von der Ballettakademie kommen, hingegen in kurzer Zeit (und mit weniger Lohn) in ein enormes Repertoire (auch aus Spoerli-Zeiten) einarbeiten und sich behaupten lernen. Nach zwei Jahren im Junior Ballett werden die meisten – an Erfahrungen reicher – weiterziehen, einige dürfen im Opernhaus bleiben und im Ballett Zürich eine feste Stelle antreten.

Augenspiele

Noch ist es jedoch nicht so weit, und noch müssen die sieben Männer und acht Frauen aus zehn Nationen, welche von Spuck aus rund 400 Bewerbungen ausgewählt wurden, für den Abend, an dem sie allein im Vordergrund stehen, mit der Studiobühne im Keller unten vorliebnehmen. Doch bereits nächstes Jahr wird sich das Junior Ballett, das übrigens nicht etwa Zweitverwertung zeigt, sondern mit bekannten Choreografen Uraufführungen kreiert, auf der grossen Opernhaus-Bühne präsentieren. Diese – und die Zuschauerränge dazu – werden die Junioren mit ihrer Persönlichkeit, vielfältigen Technik und ihrer ungestümen Tanzlust problemlos füllen, jedenfalls dem Applaus des Premieren-publikums nach zu schliessen.

Das Programm zeigt exemplarisch den State of the Art des aktuellen Balletts und ist deswegen ideal für Tänzer zu Beginn ihrer Karriere. Nicht gerade erz-, aber doch sehr neoklassisch sind sowohl die technische Basis als im Kern auch die Ästhetik; mit dem Zeitgenössischen und dem Tanztheater wird bloss geflirtet.

Buchstäblich ein Fest fürs Auge ist «Iris» des englischen Choreografen Douglas Lee, denn seine Uraufführung für sieben Tänzer und bewegliche Leuchttürme mit riesigen Augäpfeln aus grauem Plastik (Bühnenbild: Ines Alda) ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Sehen an sich, worauf der gesprochene Text verweist. Genau wie sich die Pupille bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen verengt oder weitet, ballen sich die Körper im Raum, flackern im Licht und sausen wieder zurück ins Dunkel. Faszinierender Brennpunkt dabei ist die Japanerin Madoka Kariya in einem unpraktischen Tutu aus einer Plastiklinse. Das Unbeständige, Nervöse in der Choreografie manifestiert sich auch auf physischer Ebene: eruptive Sprünge, extreme Dehnungen, manieriert verspannte Hände.

Choreografie im Lot

Danach ist Christian Spucks neue Kreation «Solitude» eine wahre Wohltat für die irritierte Netzhaut und ein Ohrenschmaus dazu. Ein langes Pendel schwingt zum Basso Continuo barocker Arien (Scarlatti und Vivaldi), von Martin Donner elektronisch stilvoll aufgemöbelt. Meistens aber hängt es leider still im Lot. Es soll ja nichts ausser Kontrolle geraten, gar gefährlich werden, während Spuck seine fünf eleganten Paare, dar­un­ter auch der einheimische Nachwuchs aus der Tanzakademie Zürich (Andrei Cozlac, Benoît Favre und Michael Grünecker), mit grosser Klarheit in Choreografie und Bewegungssprache dirigiert und auch jedem, aller Zweisamkeit in der behaupteten Einsamkeit zum Trotz, einen Soloauftritt offeriert, sei er auch noch so kurz.

Opernparodie

Nach den auf Können und Schönheit (und also aufs Auge) ausgerichteten Stücken von Spuck und Lee erfolgt mit «Bellulus» (1999) das theatralische Kontrastprogramm des Ballettdirektors am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, Stephan Thoss, dessen Tanztheater «Blaubarts Geheimnis» diesen September in Winterthur zu sehen war. Auf einem überdimensionierten roten Plüschsofa lagern hohlwangige Wesen in verstaubten Kostümen, bis sie von einem Opernohrwurm nach dem andern geweckt und wie verrückt gewordene Zombies tanzen.

Den Tänzern macht es sichtlich Spass, sich als groteske Carmen zu produzieren oder zu den lang gehaltenen Tönen von «O sole mio» so viele Pirouetten zu drehen und zu spitzen Koloraturen so viele Kapriolen zu schlagen wie möglich, bis man sich wieder in den Chor der Wiedergänger einreiht. Ein Bariton findet dabei seinen Körper, seine Personifikation in einer fragilen Ballerina, ein Sopran wird durch eine Männergruppe konterkariert. Als Kritik am konservativen Opernbetrieb, der immer nur die bekannten Opern aus dem vorvorherigen Jahrhundert im Repertoire hat, zeitgenössischen Komponisten aber ablehnend gegenübersteht (als Beispiel dafür in «Bellulus» Bernd Alois Zimmermann), will Thoss sein Stück verstanden wissen – mit einem gewaltigen Augenzwinkern.

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