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«Eltern, schaut die Spiele an!»

Heute findet in Zürich eine Tagung statt zum Thema Jugendgewalt. Der renommierte Medienexperte und passionierte Gamer Marc Bodmer erklärt, war­um Ballerspiele besser sind als ihr Ruf und was der Reiz daran ist, im Spiel mit Waffen zu hantieren.

Sie referieren heute zur Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Shooter-Games – also Ballerspielen am Computer – und gezielten Gewalttaten wie Schiessereien an Schulen. Was ist Ihre Botschaft? Marc Bodmer: Überspitzt formuliert: Es existiert kein Zusammenhang. Und nicht überspitzt? Man hat im Umfeld von gezielten Gewalttaten auch gewaltinszenierende Videospiele gefunden. Daraus zu schliessen, sie seien Auslöser für die Taten, ist aber falsch. Weltweit spielen viele Millionen Menschen solche Games und in den allermeisten Fällen ist das absolut problemlos. Daneben gibt es eine Risikogruppe, bei der der Konsum von Medien mit Gewaltinszenierungen zum Problem wird. Diese Gruppe ist zum Glück sehr klein. Was zeichnet diese Risikogruppe aus? Es sind Personen, die oft selber Erfahrungen mit Gewalttaten gemacht haben und über eine geringe Frustrationstoleranz verfügen. Allen Tätern ist gemein, dass sie ausgeprägte Gewaltfantasien haben. Diese Fantasien nähren sie mit entsprechenden Inhalten. Sie finden diese in Games, aber auch in Filmen, Internetblogs, Comics. In einzelnen Fällen können diese Personen einen Punkt erreichen, wo die Fantasie allein nicht mehr reicht und sie ihre Vorstellungen in die Realität zu übertragen versuchen. Dann wird es gefährlich. Verbindet diese Täter ein psychologisches Profil? Oft ist es so, dass sie sich von der Gesellschaft nicht genügend wertgeschätzt fühlen. Viele leiden unter Depressionen, andere haben eine narzisstische Störung: Gewisse Täter sind überzeugt, man erkenne ihre Genialität nicht. Eine Gewalttat ist für sie auch eine Form der geplanten Selbstinszenierung. Kann es nicht sein, dass psychisch vorbelastete Personen sich in den Spielen Ideen holen und das Töten – etwa den Umgang mit einer Waffe – lernen? Diese Vorstellung können Sie mit gutem Gewissen begraben. Die US-Armee hat vergeblich versucht, ihre Soldaten mit Computerspielen zu schulen. Es funktioniert nicht. Es gibt Personen, die mit Shooter-Spielen ihre Gewaltfantasien anheizen. Das ist ein Missbrauch des Mediums – genau so, wie wenn ich jemanden mit einer Strumpfhose erwürge. Dann ist auch nicht die Strumpfhose das Problem, sondern mein Umgang damit. Ein Restrisiko lässt sich nie ganz ausschliessen. Würde ein Verbot solcher Spiele helfen, Gewalttaten zu verhindern? Nein, das glaube ich nicht. Ich ärgere mich sehr über diese Debatte. Die Verteufelung von Videospielen mag politisch opportun sein, sie lenkt aber von den eigentlichen Problemen ab. Die massgeblichen Faktoren für Jugendgewalt sind nicht Games, sondern Erniedrigungen in der Schule, das Erleben häuslicher Gewalt und der Alkohol- und Drogenmissbrauch. Das sind unsere Probleme. Aber sie sind politisch halt nicht so sexy. Sie sind selbst ein Gamer, spielen auch Ego-Shooter-Spiele, bei denen Sie sich in virtuelle Kampfsi­tua­tio­nen begeben. Was ist der Reiz daran? Es ist reizvoll, etwas zu tun, was verboten ist. James Bond läuft ja auch nicht rum und verteilt Blumen. Wir leben in einer sehr gewaltverneinenden Gesellschaft. Und das ist auch gut so. Aber diese Spiele eignen sich bestens, um auf Deutsch gesagt auch mal die Sau rauszulassen, Stress abzubauen. Solange das im Rahmen dieser Spiele passiert, finde ich das unproblematisch. War­um spielen hauptsächlich Männer solche Games? Männer haben gerne Macht und Kontrolle, und sie mögen es, wenn ihre Handlungen grosse Wirkung zeigen. All das bekommen sie in diesen Spielen tausendfach. Hinzu kommt das Bedürfnis, sich in Wettbewerben zu messen. Dar­um treten auch so viele Gamer online gegen andere Spieler an. Die Spiele müssen auch immer realitätsnaher werden. Das stimmt so nicht. Die Gamer wollen eine möglichst grandiose Form von Gewalt – mit Explosionen, bei denen alles in die Luft fliegt. Alles ist ästhetisch inszeniert, überzeichnet. Allzu realitätsnahe Darstellungen hingegen mögen sie nicht. Das hat eines der beliebtesten Games – Call of Duty: Modern Warfare 2 – gezeigt. In einer Szene muss sich der Prot­ago­nist an einem Massaker an Zivilisten beteiligen, um als Spion nicht aufzufliegen. Das ging vielen zu nahe, weil es zu realistisch daherkam, weil es nichts mehr mit Heldenhaftigkeit zu tun hatte. Dennoch finden Sie solche Spiele unproblematisch? Ich sage, sie regen nicht zu Gewalttaten an. Auf einer moralisch-ethischen Ebene kann man trotzdem dagegen sein. Persönlich finde ich es völlig daneben, dass in gewissen Games aktuelle Kriegsschauplätze inszeniert werden. Aber das heisst nicht, dass die Games für die Gesellschaft gefährlich sind. Was raten Sie Eltern, deren Kinder Ballerspiele spielen? Sie sollen sich die Games anschauen. Sie müssen wissen, womit sich ihre Kinder beschäftigen und war­um sie es tun. So kriegen sie auch mit, wenn der Konsum von Videospielen problematisch wird. Wenn die Eltern die Spiele kennen, können sie auch genauer sagen, was sie tolerieren und was nicht. Leider sind viele Eltern einfach froh, wenn sich ihr Kind zu Hause beschäftigt und nicht mit Kollegen an der Tankstelle abhängt. Was es am Computer oder an der Konsole genau tut, wissen sie aber nicht.

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