Zum Hauptinhalt springen

Emanzipation im Retrostil

«Populaire», der erste Film eines Franzosen namens Régis Roinsard, ist eine herzhafte romantische Komödie – und eine fidele Ode an die gute alte mechanische Schreibmaschine.

Frankreich, Normandie, ein Dorf, Ende 1950er-Jahre. Die Welt befindet sich in Aufbruchstimmung, Europa schaut nach Amerika. Kürzere Röcke und engere Blusen künden vom ­ Nahen der weiblichen Emanzipation, Rock ’n’ Roll von jugendlichen Freiheitsgelüsten. Über Frankreichs Leinwände flimmern in Vorwegnahme gesellschaftlicher Umwälzungen die ersten Filme der Nouvelle Vague: «A bout de souffle» von Jean-Luc Godard, Jacques Rivettes «Paris nous appartient», «Les quatre cents coups» von François Truffaut und Alain Resnais’ «Hiroshima, mon amour».

Doch auf dem Lande mahlen die Mühlen noch im alten Takt. Da gehören die Frauen zu ihren Männern, ziehen Kinder auf, stehen hinter dem Herd und können von Glück reden, wenn sie – wie die junge Rose Pamphyle in «Populaire» – im familieneigenen Geschäft mithelfen dürfen. Die Protagonistin von Régis Roinsards Regieerstling nun aber graust vor der Ehe mit dem vom Vater ausgewählten Mann, und die Aussicht auf ein Leben in vorgegebenen Bahnen drückt ihr den Atem ab. Hinter Vaters Rücken bringt sie sich das Tippen bei und bewirbt sich beim Versicherungsvertreter Louis Echard in der Kreishauptstadt Lisieux als Sekretärin.

Um die Wette tippen

Nicht dass sich die schusselige Rose, die keinen höheren Schulabschluss hat und deren Kleidung wenig Eleganz verrät, für die Stelle besonders eignen würde. Doch Rose ist keck und will unbedingt weg. Und sie ist wach genug, bei der Bewerbung Echard das vorzuführen, was sie wirklich kann: Tippen. Mit zwei Fingern zwar nur, aber so rasant, dass Echard mit Diktieren kaum nachkommt. Und weil Echard weniger ein Geschäftsmann denn ein verkappter Spieler, ehemaliger Sportler und ein vom Krieg versehrter, einsamer Mann ist, stellt er Rose ein und meldet sie auf der Stelle für die regionalen Schreibmaschinenschreibmeisterschaften an.

Selbstverständlich gewinnt Rose diese nicht, aber sie reüssiert durchaus so respektabel, dass sich Echard Hoffnungen macht und sich zu ihrem Trainer aufschwingt. Nun lernt Rose mit Hilfe ihres Chefs und dank bunten Farben auf Nägeln und Tasten Zehnfingertippen, und in der Folge geht es ab nach Paris an die nationalen, dann nach New York an die internationalen Tippmeisterschaften.

Im Stil einer klassischen 1950er-Jahre-Komödie kommt «Populaire» daher. Bis ins kleinste Detail zeitgeistkoloriert, erzählt er nicht nur eine köstliche Aschenbrödel-Mär, sondern – Echard lässt Rose nicht nur stundenlang tippen, sondern auch turnen und joggen – auch eine Fit-durch-Sport-Story. Nicht zuletzt aber ist «Populaire» auch eine zärtlich verquaste Romanze, in der ein keckes Landpomeränzchen einem im Lauf eines kurzen, aber nicht schwerelosen Lebens schrullig gewordenen Mann das Lieben beibringt. Das alles funktioniert vor allem, weil Rose-Darstellerin Déborah François und Romain Duris als Echard fein aufeinander eingestimmt sind: Ihr still-verschmitzter Charme zieht seiner jovial überspielten Verletzlichkeit den Stachel. Auch stellt Roisnard die Liebesgeschichte der Emanzipationsstory clever hintenan. Stilistisch ist «Populaire» dem Retroschick verpflichtet: die Kleider, die Frisuren, das Mobiliar, das Set-Design, die Farbgebung, das ist alles bis ins kleinste Detail perfekter 50er-Jahre-Look. Und fragt man den bisher vor allem im Bereich von Werbung und im Videoclip tätigen Roisnard nach filmischen Vorbildern, fallen grosse Namen wie Billy Wilder, Douglas Sirk, aber auch Alfred Hitchcock und Jacques Remy.

Blühende Nostalgie

In den Dialogen witzig und musikalisch köstlich beschwingt ist «Populaire» – und nun müssen wir noch ein Wort zu dem verlieren, was dieser Film im Kern auch ist: eine Liebeserklärung an die gute alte Schreibmaschine, deren eine – daher den Titel – den Namen «Populaire» trägt. Und so erzählt dieser Film, wenn man genau hinschaut, auch die Geschichte der Entwicklung der Schreibmaschine. Tatsächlich entwickelt er seinen grössten Reiz immer da, wenn er das Hohelied auf die Tippmamsells anstimmt: bei den Schnelltippmeisterschaften, wo in riesigen Sälen Dutzende von Frauen an einzelnen Tischchen angespannt hinter ihren Maschinen sitzen und auf Zeichen des Schiedsrichters die Tasten in horrendem Tempo minutenlang klappern lassen. Eine sentimentale Wonne ist das anzuschauen.

Hübsch nostalgisch wirken denn auch die bonbonbunten Werbespots, die Rose als Mademoiselle Populaire dreht. Bleibt der musikalische Leckerbissen zu erwähnen: Den Song «Le cha-cha des (petites) sécretaires» von einem gewissen Jack Ary will Roisnard ausgegraben haben, die französische Wikipedia aber behauptet, dass es diesen vor «Populaire» nie gegeben habe … Wie dem auch sei: Wenn nicht wahr, ist es gut erfunden, und das soll/muss/darf Kino – nachgerade so köstlich verschmitztes – allemal auch sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch