Endlager

Endlager: Disput über mögliche Rohstoffe im Untergrund

Unter allen drei verbliebenen Schweizer Standortregionen für den Bau des Atomendlagers könnte es Erdöl, Erdgas oder Kohle geben. Einige Fachleute sind sich nicht einig darüber, ob solche Rohstoffe unterhalb des Endlagers ein Sicherheitsrisiko darstellen.

Im Vordergrund rechts würde das Tor zum Endlager gebaut, hinten rechts ist Marthalen zu sehen, in der Mitte verläuft die Bahnlinie Winterthur-Schaffhausen.

Im Vordergrund rechts würde das Tor zum Endlager gebaut, hinten rechts ist Marthalen zu sehen, in der Mitte verläuft die Bahnlinie Winterthur-Schaffhausen. Bild: Heinz Kramer

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Schon in gut drei Jahren gibt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) bekannt, ob sie das Endlager im Zürcher Weinland bauen will oder nicht. Für den Bau auch infrage kommen das Zürcher Unterland nördlich der Lägern sowie der Aargauer Bözberg westlich von Brugg. Für die Standortwahl bohrt die Nagra ab diesem Jahr in allen drei Regionen in die Tiefe, um die Gesteinsschichten im Untergrund genauer zu untersuchen.

Nähme man ein grosses Messer und würde die Standortregionen wie eine Torte zerschneiden, kämen verschiedene Gesteinsschichten zum Vorschein. Ganz zuoberst die Erde, der Humus – gleichsam die Schokoladenstreusel auf der Torte. Danach folgen viele Schichten aus Sand, Kies, Mergel, Nagelfluh, Sandstein und weiterem Gestein. Es sind das alles Ablagerungen der letzten rund 60 Millionen Jahre, in denen die Alpen in die Höhe wuchsen und zugleich durch Wasser, Wind und vor allem Gletscher teils wieder abgetragen wurden. Das Material dieser Erosion lagerte sich im heutigen Schweizer Mittelland Schicht für Schicht ab.

180 Millionen Jahre alt

Unterhalb dieser Ablagerungen folgen die «Tortenschichten» des Erdzeitalters Jura, als Dinosaurier auf der Erde lebten. Es handelt sich dabei um Kalk- und Tongesteine, zu denen auch der Opalinuston gehört. Im zentralen Weinland beginnt diese Tonschicht, die einst die hoch radioaktiven Abfälle sicher einschliessen soll, ab 550 Metern Tiefe. Die Schicht ist etwa 110 Meter dick und entstand in einem flachen Meer vor rund 180 Millionen Jahren. Doch damit ist die Torte noch immer nicht durchschnitten – es folgen weitere, immer ältere Gesteinsschichten.

Tortenboden – mit Falten

Dann, in etwa 1000 Metern unter der Erdoberfläche und rund 250 Millionen Jahre zurück in der Zeit, stösst das Messer auf den festen «Tortenboden». Es ist dies das Grundgebirge, bestehend aus hartem, granitähnlichem Gestein. Es entstand nicht wie die Schichten darüber aus Ablagerungen. Als Teil der Erdkruste liegt sein Ursprung im flüssigen Erdinnern.

«Solche Konflikte gibt es in allen drei Standortregionen, aber nirgends in besonderem Masse.»Meinert Rahn, Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspeketorat (Ensi)

An dieser Stelle endet der Vergleich mit der Torte – weil er teilweise schief wird. Denn das Bild eines festen, horizontalen Bodens trifft nicht überall zu. Wegen der Alpenfaltung wurde das Grundgebirge selber gefaltet wie ein Teppich. So entstanden in diesem Gebirge unterirdische Täler oder Mulden, die mehrere Tausend Meter tief sein können. In diesen trogförmigen Vertiefungen lagerten sich über die Jahrmillionen tierische und pflanzliche Überreste ab, vor allem in den Erdzeitaltern Perm und Karbon. Daraus entstanden später Kohle (ital. carbone), Erdgas und Erdöl – nutzbare Rohstoffe also.

Gesellschaft muss abwägen

Wäre die Sicherheit des Endlagers im Opalinuston bedroht, wenn man diese Rohstoffe eines Tages ausbeuten würde? Über diese Frage stritten am Montagabend zwei Geologen an einem Podium in Marthalen, an dem rund 50 Personen teilnahmen. Alle drei Endlagerregionen liegen ganz oder teilweise über einem solchen unteridischen Tal, in der Fachsprache Permokarbontrog genannt. Der Geologe und Sozialwissenschafter Marcos Buser fordert schon seit Jahren, dass dieser Trog ganz durchbohrt wird. Nur damit könne man herausfinden, ob es unter dem künftigen Endlager nutzbare Rohstoffe und somit einen problematischen Nutzungskonflikt gebe. Solche Konflikte gibt es laut Meinert Rahn in allen drei Standortregionen, «aber nirgends in besonderem Masse». Er ist Geologe und arbeitet beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi). Wenn man solche Konflikte generell als Ausschlusskriterium definiere, könne man in der Schweiz kein Endlager bauen. Es sei an der Gesellschaft, eine Abwägung zu treffen.

«Dann ist es halt so!»

Aus Sicht des Ensi macht es keinen Sinn, alle Permokarbontröge auf mögliche Lagerstätten hin zu erkunden. Es gebe in den Trögen zwar allenfalls etwas Erdgas, Kohle und Erdöl. Aber wenn man in allen drei Regionen sämtliche Rohstoffe lückenlos erkunden müsste, «dann sind wir 30 Jahre am Bohren», sagte Rahn. «Ja, dann ist es halt so!», rief ein Zuhörer verärgert dazwischen. Rahn hielt dagegen: Was die Abbautechniken und den Rohstoffbedarf der Zukunft betreffe, gebe es so viele Unschärfen, «dass wir vielleicht gar nicht wissen, was unsere Bedürfnisse in 200 Jahren sind». Es mache daher gar keinen Sinn, heute Rohstoffe in den Permokarbontrögen zu erkunden, von dem man gar nicht wisse, ob sie künftig noch von Interesse seien. (Der Landbote)

Erstellt: 12.02.2019, 18:45 Uhr

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