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Entwaffnender Seelenstriptease

Das Leben der Toni Pollak: Doris Knecht (*1966) legt mit «Besser» ihren zweiten Roman vor. Die Wiener Kolumnistin (sie wurde auch hierzulande mit ihren Kolumnen im TA-Magazin bekannt) erzählt ebenso böse wie witzig. Und vor allem: Sie durchschaut uns.

Doris Knechts Heldin ist die «verwöhnte Gattin» eines Immobilienhändlers und offiziell Künstlerin. In dem von ihrem Mann Adam gesponserten Riesenatelier am Wiener Brunnenmarkt surft sie aber meist nur auf Facebook oder wartet auf eine Nachricht ihres Geliebten. Hinter dem Rücken ihres gefühlvollen, kinderliebenden Gatten, in den «Spalten» ihres Ehefrau- und Mutteralltags, lebt Toni ihr anderes, ihr «eigentliches» Leben. Immer auf der Suche nach dem Kick, immer in der Angst, durchschaut zu werden.

Denn Toni ist eine «Frau mit Vergangenheit» und vielen Geheimnissen: Hinter ihr liegen Jahre der Obdachlosigkeit und Heroinsucht, mit einem gewalttätigen Kerl, dem «Mann mit der Narbe», vielleicht ihrem Zuhälter. Offenbar ist sie auch mitschuldig am Tod eines Menschen, der Leser erfährt aber nur Andeutungen. Als sich Toni vor Jahren in Gestalt Adams die rettende Gelegenheit bot, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, hat sie zugegriffen. «Ich denke nicht sehr gern an meine Hochzeit, vielleicht, weil ich damals die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass Adam hereingelegt wird. Von mir.»

Beissende Reflexionen

Mit dem arglosen Betrogenen bewohnt sie nun eine ausgebaute Dachwohnung am Huberpark, einem der «zu Tode gentrifizierten» Wiener Bobo-Stadtteile. Tonis beissende Reflexionen über ihre neuen hippen und schicken Freunde machen einen Gutteil des Romans aus. Sie weiss nur zu gut, dass sich all diese ökobewussten Kreativmenschen, bei denen sie Unterschlupf gefunden hat, die Mäuler zerreissen würden, wüssten sie über Tonis Vorleben Bescheid.

«Aber mich erwischt ihr nicht. Das käme denen unglaublich gelegen, so ein Striptease, so eine Enttarnung und öffentliche Enthüllung, das täte ihrem eigenen Ego wohl, und ihre verwöhnten, kleinen Bobo-Krämerseelen wären schlagartig gesund. (…) Ich bin wie ihr. Braucht ihr gar nicht auf die Idee kommen, dass ich nicht wie ihr bin, sondern wie die Friseurin. Ich bin eine gesunde, fitte, verantwortungsbewusste Supermutter zweier gesunder, fitter Superkinder, genau wie ihr.»

Wurschteln und schlawinern

Vom Leben der Bobos handeln auch viele der kultigen «Kurier»-Kolumnen der österreichischen Autorin («Jetzt erst Knecht»). Und ebenso Knechts Debütroman «Gruber geht» über einen an Krebs erkrankten Wiener Macho, der es 2011 immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Dem Gruber gehts übrigens inzwischen schon wieder viel zu gut, wie der zweite Roman, ein mehr als würdiger Nachfolger, nebenbei verrät, danke der Nachfrage.

Und Toni könnte es auch blendend gehen, würde sie sich nicht selbst das Leben schwer machen. Denn anders als ihr Adam ist sie kein «glücklicher Mensch», sondern voller Angst, mit ihren «Wünschen und Träumen und Geheimnissen» alles zu ruinieren. Schonungslos ehrlich wenigstens sich selbst gegenüber, weiss Toni, was sie ist, «eine Betrügerin» und «die schlechteste aller Mütter» dazu. Und legt mit ihrer glänzend geschriebenen Suada eben jenen anrührenden und kathartischen Seelenstriptease hin, den sie ihren Bobo-Freunden verweigert. Wofür sie der Leser fast unfreiwillig mehr und mehr ins Herz schliesst – und am Ende voller Überzeugung freispricht.

Toni ist einfach nur die Jederfrau, der Jedermensch von heute, der sich auf der Suche nach dem Glück durchs Leben wurschtelt und schlawinert. Mit Adams langweilig-sympathischer Sicherheit und dem aufregenden Spiel mit Lust und Gefahr als den beiden Spannungspolen. Zusammengehalten wird Tonis Leben vom unvermeidlichen iPhone: Mal macht mitten in der abendlichen Runde mit Gästen eine SMS «galang» («Ich weiss, wer das ist. Ich spüre es zwischen meinen Beinen.»), mal bewahrt ein Anruf aus dem Kindergarten sie im richtigen Augenblick davor, ihrer dunklen Vergangenheit allzu nahe zu kommen.

Schock mit wenig Folgen

Denn diese kehrt, wenig überraschend, zurück in Gestalt des Mannes mit der Narbe, den Knechts Heldin zufällig im Taxi trifft und der ihre neue Existenz bedroht. Ein Rest der alten Hörigkeit schwelt freilich noch immer in Toni; Knecht wechselt in jenen Kapiteln als Zeichen der Distanzierung in die Du-Perspektive. Im Übrigen lässt sie Toni gern im Präsens erzählen, gewürzt mit ein wenig Schmäh und Austriazismen wie «Flankerl» oder «Blitzgneisser».

Die Funktion der Krebserkrankung in ihrem ersten Roman übernimmt in «Besser» ein Mord bei ihren Migrantennachbarn. Toni hätte ihn vielleicht, wäre sie weniger mit sich selbst beschäftigt gewesen, verhindern können. Und versinkt nun in Schuld- und Reuegefühlen. Aber wie in Doris Knechts Debütroman wird auch dieser «heilsame Schock» am Ende nicht viel ändern. Ausser dass Toni ihren Frieden machen wird: mit sich, ihrer Ehe, ihrer Rolle als Mutter. Sogar mit den Bobos.

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