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«Er hat den Mut zum Unkonventionellen»

Chur. Eva-Maria Faber, Rektorin der Theologischen Hochschule Chur, traut Papst Franziskus durchaus zu, dass er offene Diskussionen zu brennenden Fragen ermöglicht – auch in Bezug zur Sexualethik.

«Ich glaube und bete, dass der Heilige Geist heute wirkt und den erwählt, den Gott will», sagte am Tag der Wahl des neuen Papstes die deutsche Ordensschwester Walburga in Rom. Glauben Sie, dass ihr Gebet erhört wurde? Eva-Maria Faber: Ja, ich denke schon, dass ihr Gebet erhört wurde. Denn nach meiner Einschätzung stellt die Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst eine gute und mutige Wahl dar. Nachdem der frühere Papst eher die Kontinuität betonte, ist die Wahl des neuen Papstes mit Signalen verbunden, die eher für einen Neuaufbruch stehen. Welche Art von Neuaufbruch? Ich bin der Ansicht, dass allein schon seine Namenswahl als Programmankündigung verstanden werden kann. Wenn sich also der neue Papst für den Namen Franziskus entscheidet, dann muss man nicht unbedingt ein Prophet sein, um zu erkennen, dass das Thema Armut in seinem Pontifikat wohl eine zentrale Rolle spielen dürfte. Der heilige Franziskus war zudem eine Person, die Reformen und Spiritualität miteinander verbunden hat. Und wenn man in diesem Zusammenhang an die Gebetstreffen von Assisi denkt, dann könnte man sich durchaus vorstellen, dass der Name Franziskus auch als Symbol für den interreligiösen Dialog steht, insbesondere für jenen mit dem Islam. Gläubige in aller Welt wirken nach der Wahl von Papst Franziskus geradezu euphorisiert und sehen ihn als neuen Hoffnungsträger. Erwarten diese Menschen zu viel von ihm? Vermutlich ja. Er wird sicher viele Menschen enttäuschen müssen. Denn kein Papst kann all diesen Erwartungen jemals gerecht werden. Man wird mit der Zeit auch immer mehr erkennen, dass er in einigen Fragen eine Position vertritt, die nicht dem entspricht, was andere von ihm erwarten. Andererseits spürte man jedoch bereits bei seinem ersten öffentlichen Auftritt etwas von seiner Unabhängigkeit und seinem Mut; dem Mut, gängige Konventionen zu durchbrechen. Das zeigte sich nicht nur in seiner Rede und seinem Gestus, sondern auch allein schon bei etwas scheinbar Nichtigem wie seiner Kleiderwahl, die deutlich schlichter ausfiel als bei seinem Vorgänger. Bei Fragen zur Frauenordination, zum Zölibat, zur Abtreibung und zur Sexualmoral ganz allgemein scheint Papst Franziskus die gewohnt rigide Haltung der Kirche zu vertreten. Da sind von ihm offenbar keine Wunder zu erwarten? Nein. Diese Fragen sind aber auch viel zu komplex, als dass einfache Antworten möglich wären. Dar­um wäre es ohnehin nicht gut, wenn ein Papst gewisse Änderungen einfach von oben her­ab durchsetzte. Entscheidender dünkt mich, dass in all diesen erwähnten Bereichen künftig offene Diskussionen möglich werden. Und eine solche Offenheit würde ich Papst Franziskus, der ja bereits in seiner ersten kurzen Ansprache das Miteinander stark betont hat, durchaus zutrauen. Immerhin strich er in einer früheren Predigt als Kardinal mit Nachdruck heraus, dass man nicht immer moralisierend predigen solle. Und er meinte dies explizit auch in Bezug auf die Sexualethik. Das scheint dar­auf hinzudeuten, dass er zumindest die Bereitschaft signalisiert, von einer gewissen Fixierung in diesen Fragen wegzukommen. Erstmals wird ja nicht nur ein Nichteuropäer, sondern auch ein Jesuit der katholischen Kirche vorstehen. Welchen Einfluss wird diese Tatsache auf die Sicht- und Handlungsweise des neuen Papstes haben? Ich gehe davon aus, dass ein Jesuit Erfahrungen hat mit Entscheidungsfindungen, bei denen es um das ernsthafte Hinhören auf die verschiedenen Stimmen geht. Und er hat als Jesuit auch Leitungserfahrung. Ich denke, beides wird Papst Franziskus für das Wirken in Rom gut gebrauchen können. Zudem stehen die Orden in der katholischen Kirche für eine Vorstellung von Kirche, wo Einheit in Vielfalt realisiert und gelebt wird. Dass ein Ordensmann nun Papst geworden ist, könnte also auch heissen, dass die Erfahrungen, die die Orden mit der Vielfalt haben, nun künftig umso mehr in die Gesamtkirche einfliessen werden. Die Liste der anstehenden innerkirchlichen Probleme – vom sexuellen Missbrauch bis zu Vatileaks – ist lang. Welche Probleme müssen Ihrer Ansicht nach nun zuerst behandelt werden? Ich würde da nicht unbedingt einzelne Probleme herausgreifen wollen. Meiner Ansicht nach müssen vor allem neue Wege gefunden werden, wie man diese Problembereiche grundsätzlich angeht. Wichtig ist, dass künftig nicht einfach allein nur wieder die Kurie bestimmt, was Sache ist. Hier braucht es sicher eine entsprechende Reform. Entscheidend dürfte dabei sein, dass die Bischöfe und die Bischofskonferenzen mehr Gewicht erhalten und so künftig mehr mitbestimmen können. Manche Beobachter sehen auch ein Problem im Leben von Papst Franziskus noch als ungelöst. Es liegt da ein Schatten auf seiner Vergangenheit, was seine angebliche Nähe zur früheren argentinischen Militärjunta angeht. Wird dieser Schatten über seinem Pontifikat bleiben? Ich hoffe nicht. Meine Hoffnung ist, dass ihm selbst und den Kardinälen hinreichend bewusst gewesen ist, dass diese Vergangenheit gegebenenfalls ein Problem darstellen könnte. Ohnehin ist es ziemlich schwierig, sein damaliges Vorgehen aus heutiger Sicht zu beurteilen und einzuordnen. Offenbar gibt es sehr unterschiedliche Stimmen zu seinem Verhalten in der Zeit der Militärdiktatur der 70er-Jahre. Zwar muss es innerhalb des Jesuitenordens viel Kritik gegeben haben, ausserhalb davon soll ihm aber auch bescheinigt worden sein, sehr gut agiert zu haben. Ich denke, dass allein die Tatsache, dass er über mehrere Jahre Präsident der argentinischen Bischofskonferenz gewesen ist, dar­auf hindeutet, dass dieser dunkle Schatten nicht so gross ist, wie ihn vielleicht andere wahrnehmen.

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