Zum Hauptinhalt springen

Er machte aus der Politik ein Spektakel

caracas. Er ist seit 14 Jahren Präsident von Venezuela und kann es jetzt weitere sechs Jahre bleiben: Hugo Chávez ist ein politisches Ausnahmetalent, das jedoch deutliche Schwächen hat.

«Das ist der perfekte Sieg», twitterten Hugo Chávez’ Minister am Wahlabend. Die dritte Wiederwahl, die Aussicht auf 20 Jahre an der Macht – welcher Politiker würde da nicht in Freudentaumel verfallen. Doch der Sieger, der eineinhalb Stunden später auf den Balkon des Präsidentenpalastes trat, wirkte seltsam kraftlos und uninspiriert. 14 Jahre Amtsverschleiss und eine schwere Krebserkrankung sind auch an dem politischen Ausnahmetalent nicht spurlos vorübergegangen. Heute spricht der einstige Marathonredner selten länger als eine Stunde, doch seine patriotische, klassenkämpferische Rhetorik trifft noch immer den Nerv des Volkes .

Von klein auf umtriebig

Geboren am 28. Juli 1954 in dem Dorf Sabaneta im Bundesstaat Barinas als zweites von sechs Kindern, wuchs Chávez in bescheidenen Verhältnissen auf. Chávez war schon von klein auf umtriebig, spielte Baseball, interessierte sich für Malerei, Musik und Theater und war Messdiener. Nach dem Abitur schlug er 17-jährig die militärische Laufbahn ein, wo er es dank seines Fleisses bis zum Oberstleutnant brachte. Er heiratete und zeugte drei Kinder. Zusammen mit anderen jungen Offizieren gründete er 1982 die Bolivarische Revolutionsbewegung, die nationalistisches Gedankengut pflegte. Die Wende kam 1989 in den Unruhen des «Caracazo», als die Streitkräfte Hunderte von Demonstranten massakrierten, was Chávez und seine Kampfgenossen missbilligten und sie in ihrem Vorhaben bestärkte, das Land auf neue Füsse stellen zu müssen.

1992 putschten die jungen Offiziere. Sie scheiterten, doch als Chávez vor die TV-Kameras trat und die Verantwortung übernahm, katapultierte sich der Oberstleutnant in die Herzen der Venezolaner. Ein Patriot, jemand, der Verantwortung übernimmt und Mut hat – so sahen ihn die Venezolaner damals, als die Traditionsparteien täglich tiefer im Sumpf von Korruption und Misswirtschaft versanken und die neoliberale Wirtschaftspolitik sowie der nie­drige Erdölpreis das einst reiche Land in den sozialen Abgrund führten. Es war die Geburtsstunde des Medienphänomens Chávez und der Beginn einer neuen politischen Ära. Zwar landeten die Putschisten zunächst im Gefängnis, schon zwei Jahre später aber wurde Chávez freigelassen, 1998 gewann er die Präsidentschaftswahlen und machte sich daran, das Land nach seinen sozialistischen Vorstellungen umzugestalten. Betriebe wurden enteignet, Kooperativen gegründet, Sozialprogramme aufgelegt. Dabei entpuppte er sich als gewiefter Machtpolitiker und geborener Alleinunterhalter. Er machte aus der Polarisierung eine Strategie und aus der Politik ein Spektakel.

Seinen Landsleuten misstraut er

Der direkte Kontakt zum Volk ist für den 58-Jährigen nicht nur Kalkül, sondern eine Art Droge. In seiner Stärke liegt aber gleichzeitig seine Schwäche. Bis heute verfügt sein politisches Projekt nur über ein vages Konzept. Mitarbeiter, die ihn kritisieren oder brillanter sind, duldet er nicht. Stets will er über alles die Kontrolle behalten, deshalb duldet er Mittelmass und Korruption. Viele ehemalige Weggefährten haben sich enttäuscht von ihm abgewandt. Seinen eigenen Landsleuten misstraut er und hat sich vor allem mit kubanischen Beratern und Ärzten umgeben. Deshalb vermissen heute auch Kampfgenossen wie der linke Intellektuelle Rigoberto Lanza den «modernisierenden Impetus» der Anfangsjahre. Ob dieser nach dem Wahlsieg wieder aufleben wird und wie es um die Gesundheit des Staatschefs bestellt ist, das gehört zu den grossen Mysterien Venezuelas.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch