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Er will, dass Justitia hinschaut, zuhört

D er Gerichtspräsident hat zugesagt. Das Gespräch findet in seinem Wirkungskreis hinter den Gerichtsschranken statt. Lorenz Schreiber, Präsident des Bezirksgerichts Andelfingen, widerspricht dem Vorurteil, die Justiz sei verschlossen. Für den bald 60-jährigen Juristen, der das Gericht seit 2002 präsidiert, ist das Öffentlichkeitsprinzip zentral für eine transparente Justiz. «Ich habe ein offenes Verhältnis zu den Medien», sagt der sechsfache Familienvater. Die Arbeit des Gerichts darzustellen, sieht er als wichtige Nebenfunktion seines Amtes.

An einem Fenster des Grossen Gerichtssaals in Andelfingen steht eine kleine Justitia mit Augenbinde, Waage und Schwert. Hinschauen und zuhören gehören für Schreiber zum Abwägen dazu. Insofern also mit Ansehen der Person – eine Augenbinde würde Vorurteile befördern. Für Lorenz Schreiber beginnt das Abwägen mit dem Studium der Akten. Doch auf die allein stützen will er sich nicht. «Mich interessiert zuerst der Mensch, ausserhalb des Delikts.» Zwar macht er sich schon aufgrund der Akten vorab ein Bild. Und manchmal bestätigt sich dieses Bild in der Befragung danach auch. Oft ist es aber so, dass Schreiber dann zusätzliche Facetten des Menschen sieht. «Das Bild wird farbiger, und es fällt ein an­deres Licht auf die Person.» Zu ihren Gunsten – oder auch nicht.

Laut Lorenz Schreiber gibt es in der Justiz die Tendenz, sich aufgrund von Akten allein ein Bild des Angeklagten zu machen und das Verfahren nur noch auf schriftlichem Weg zu führen. «Ich bin ein Gegner davon. Es ist ganz wichtig, den Menschen konkret vor sich zu haben.» Er befragt den Angeklagten zuerst zu seiner Person, um die Vorgeschichte und Umstände der Straftat zu erfahren. Mit alltäglichen Fragen versucht Schreiber auch, der Person vor den Gerichtsschranken die Anfangsnervosität zu nehmen. Er will sie motivieren, etwas zu sagen, «nicht bloss Ja oder Nein». Einige blocken auch ab. Aus Angst, sich zu verplappern, oder weil ihre Anwälte sie so instruiert haben. Für Schreiber ist eine Gerichtsverhandlung auch ein Schauspiel, in dem alle eine Rolle einnehmen. Er versucht aber, das Schauspiel näher an die Wirklichkeit heranzuführen. «Es soll eher ein Dokumentarfilm als ein Krimi werden.» Bei alltäglichen Fällen hat Schreiber ein gutes «Gspüri», ob ihn jemand anlügt. «Doch es gibt gute Schauspieler, die auch mich täuschen können.» Er ist sich bewusst, dass er im Gerichtssaal oft angelogen wird.

Das Bezirksgericht Andelfingen beschäftigt sich eher mit den kleinen Fischen, mit Zufallsfängen. «Es sind hier nicht unbedingt die vom Leben bevorteilten Leute.» Durchschnittliche, oft benachteiligte Menschen. Solche ohne Job, mit Suchtproblemen oder Ausländer mit Sprachproblemen. Viele von ­ihnen befinden sich in einer schwierigen Lebenssi­tua­tion. «Da ist es Pflicht, sich in die Si­tua­tion dieser Leute hineinzuversetzen.» War­um hat jemand einem anderen eine Flasche über den Kopf geschlagen? Schreiber sagt, dass er in 30 Jahren gelernt hat, dass es kein Schwarz und Weiss, dafür umso mehr Grautöne gibt, je genauer man sich mit einem Fall beschäftigt. Hineinversetzen heisst für ihn aber nicht gutheissen.

Du hast recht, du unrecht – den Wunsch nach einem klaren Urteil erlebt Lorenz Schreiber immer wieder. Diesen Wunsch sieht er aber auch als «Verkürzung der Realität», zum Beispiel in einem Nachbarschaftsstreit. Ob sie Ruhezeit oder Grenzabstände einhalten: Zwar gibt es das eine oder andere, das er mit dem Schwert der Justitia durchsetzen kann. «Aber über alles Weitere ist nichts gesagt, der Konflikt nicht gelöst.» In einem Vergleich hingegen kommen auch Streitpunkte zur Sprache, über die ein Richter gar nicht urteilen kann. «Das ist ganz klar eine präventive Sache, damit die Nachbarn einen Weg finden, zumindest nebeneinander.» Schreiber versucht, das Prinzip «Sieger und Besiegte» zu durchbrechen, denn: Ausserhalb des Gerichtssaals taugt dieses Prinzip oft auch nicht.

Ausserhalb des Gerichtssaals wird Lorenz Schreiber recht oft um eine Rechtsauskunft gebeten. Mit Auskünften zwischen Tür und Angel ist er aber zurückhaltend. Zum Beispiel bei Scheidungen, die später vielleicht vors Gericht kommen, wo es dann plötzlich heissen könnte: «Aber der Gerichtspräsident hat mir doch gesagt, dass …» Er beschränkt sich daher auf prozessuale Tipps. Und dass er manchmal rechthaberisch sei, ein bisschen ein «Tüpflischiisser», das hört er im privaten Umfeld auch ab und zu. «Damit kann ich leben.» Innerhalb der Juristengilde sieht er sich aber im unteren Drittel bezüglich Pingeligkeit. Auch drückt er sich allgemein verständlich und nicht technisch-abgehoben aus. Der gängige Dünkel in der Juristerei liegt ihm gar nicht.

Als Lorenz Schreiber 2001 fürs Amt des Bezirksgerichtspräsidenten kandidierte, unterstützte ihn die SP. Vor seiner Wahl war er selbstständiger Anwalt sowie für die ­Jugendanwaltschaft und die Zivildienstkommission tätig. Dass er selber in keiner Partei ist, sieht er als «echten Vorteil» für die Glaubwürdigkeit als Richter, indem er zum Ausdruck bringt, dass er nicht gebunden ist. Auch dass er im Bezirk Andelfingen wohnt, sieht Schreiber als Vorteil. Kommen in einer Verhandlung Ortschaften oder Firmen vor, weiss er, wovon die Rede ist. Doch hie und da kennt er jemanden persönlich. Dann tritt Lorenz Schreiber in den Ausstand, damit keine Vermutungen von Befangenheit aufkommen. Und nicht selten begegnet er auch Personen, die er einmal verurteilt hat. Angegangen worden ist er deswegen aber noch nie.

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