Zum Hauptinhalt springen

Er wollte ans Licht und wurde Gärtner

Es war an einem Sonntag im Jahr 1988. Christian Rüegsegger radelte mit seiner Freundin, einer Landschaftsarchitektin, mit dem Velo von Winterthur nach Andelfingen zum Schlosspark. Sie hatte ihm den Tipp gegeben, dass dort die Stelle des Schlossgärtners frei werde. Wie vielen Auswärtigen heute erging es dem heute 53-Jährigen damals – er kannte den Schlosspark Andelfingen gar nicht. «Nur den komischen Kirchturm kannte ich.»

Nach der Velotour an die Thur bewarb er sich für die Stelle, der Entscheid aber liess auf sich warten. Dann kam der Anruf, dass man es sich mit ihm vorstellen könne. Er heiratete seine Freundin und zog mit ihr von Winterthur nach Andelfingen. «Das Zweite wurde verlangt, das Erste nicht», sagt er mit einem Schmunzeln. «Das hatten wir schon zuvor vorgehabt.» Ab dem 1. Januar 1989 war er der Schlossgärtner, der fünfte seit 1876. Seine beiden Vorgänger pflegten und hegten den Schlosspark je 40 Jahre lang. Viele kleine Wege führen durch den verwinkelten Park beim ehemaligen Landvogteischloss. Dadurch wirkt er weitläufiger, als er in Wirklichkeit ist.

Bevor Christian Rüegsegger zum Andelfinger Schlossgärtner wurde, ar­bei­te­te er drei Jahre als selbstständiger Gärtner in Winterthur und machte nebenher eine Weiterbildung im Bereich Naturgärten. Nach der dreijährigen Lehre war er vier Jahre lang als Gärtner bei einem Pflegeheim im Thurgau angestellt. «Gärtner zu werden, war eigentlich nie mein Wunsch», erzählt er zur Verblüffung des Zuhörers. Aufgewachsen im Toggenburg, machte er zuerst eine Lehre als Laborant im Textilbereich. Die Arbeit gefiel ihm zwar. Doch dann merkte er, dass er nicht drinnen, sondern draussen arbeiten wollte. «Das Licht fehlte mir im Labor.» Heute hat er im Schlosspark nicht nur viel Licht, sondern auch eine «unglaubliche Fülle an Pflanzen». Und während sich die meisten seiner Berufskollegen sehr stark spezialisiert haben, schätzt er seinen Allrounder-Job im Park, den er sich frei einteilen kann. «Ohne die grosse Freiheit würde ich mich nicht so einsetzen.» Doch der Schlosspark nimmt ihn auch sehr in Anspruch. «Man kann sich davon aufsaugen lassen.» Siebentagewochen über Monate sind keine Seltenheit. Nur einmal machte er im Sommer zwei Wochen Ferien, «da wuchs mir zuvor und danach alles über den Kopf». Wenn er und seine Frau Ferien machen, dann schaut ein benachbarter Gärtner nach dem Nötigsten.

Der Schlossgärtner arbeitet meist alleine in seinem Park. «Da kann ich nichts delegieren», sagt er mit einem Lachen. Vereinsamen tut er aber nicht. Von den Parkbesuchern kriegt er oft Lob für seine Arbeit. «In vielen anderen Jobs kriegt man keine solchen Streicheleinheiten.» Und natürlich wird er immer wieder einmal um Rat gefragt. Doch nicht selten sind das unmögliche Fragen, die per Ferndiagnose zu beantworten sich der Profigärtner sträubt. Wenn jemand sagt, er kenne zwar den Namen seiner serbelnden Pflanze nicht, sie habe aber grüne Blätter, dann kann auch der Schlossgärtner nicht weiterhelfen.

Nach zehn Jahren veränderte sich die Arbeit von Christian Rüegsegger markant. Mit der Schliessung des Altersheims im Schloss 1999 öffnete sich der Park. Zwar war er schon zuvor öffentlich zugänglich, doch die Andelfinger Bevölkerung scheute sich, dort reinzugehen. Als Erstes kam das Schild beim Eingangstor, später folgten die Führungen im Park – ein Novum für den Schlossgärtner. «Ich musste zuerst lernen, vor die Leute zu stehen.» Doch nach Hunderten von Führungen hat er die Angst davor verloren und Freude daran gewonnen.

Ebenso Freude hat er am Experimentieren, womit er wiederum den Besuchern eine Freude bereitet. «Das ist eine Triebfeder für mich.» In einem Teil seiner Rabatten probiert er stets Neues aus – aber nicht überall, falls etwas schiefgeht: Er pflanzt kaum bekannte Gewächse, sammelt an die 100 Salbeisorten oder sät Samen von Dahlien aus, deren Blütenfarben sich mit jeder Aussaat verblüffend verändern.

Obwohl das grüne Experimentieren viel Zeit benötigt und der Schlossgärtner wie die Ruhe in Person wirkt, sieht er sich selber als ein eher ungeduldiger Mensch. Man mag es ihm kaum glauben. Ihm, der dem Schlosspark so viel Zeit widmet. Die Zeit ist es in seinen Augen auch, die den Park ausmacht. Ohne sie wäre er nie zu dem geworden, gewachsen, was er heute ist.

Und wie soll es mit dem Schlosspark weitergehen? Christian Rüegseggers grosser Wunsch ist es, dass die Bereitschaft der Bevölkerung und der Behörden, den Park weiterzutragen, weiter besteht. Dass nicht nur sein Preis, sondern auch sein kultureller Wert weiterhin gesehen wird. «Das Schlimmste wäre, wenn man die Pflege des Schlossparks auswärts vergeben würde – das wäre sein Tod.» Ein solches Outsourcing mag man ihm nicht wünschen, dafür einen Schlossgärtner Nummer 6, 7, 8 …

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch