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Erdgasförderung gefährdet den Bodensee

Konstanz/St. gallen. In der Schweiz und in Süddeutschland werden grosse Vorkommen von Schiefergas vermutet. Gegen eine Förderung am Bodensee erwächst grosser Widerstand.

Mit dem Entscheid zum Atomausstieg ist die Suche nach alternativen Ener­gie­n eröffnet. In der Schweiz wie in Deutschland gilt Erdgas als guter Ersatz – jedenfalls auf Regierungsebene. Das Gas beziehen die Länder vornehmlich aus Russland, zweitgrösstem Erdgasproduzenten hinter den USA. Doch nun zeichnet sich ab: Gas gibt es auch hier. In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2010 werden Schieferschichten in Deutschland, Schweden, Dänemark, Polen, England, den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz erwähnt. Die Gesteinsschichten in 1000 bis 3000 Metern Tiefe sollen Erdgas enthalten. Mit der sogenannten Fracking-Methode kann das Gas aus dem Stein gelöst und an die Erdoberfläche gebracht werden. Am Bodensee liegen zwei Gebiete, in denen Schiefergas vermutet wird. Ein britisches Unternehmen möchte auf einer Erkundungsfläche von rund 2500 Quadratkilometern Probebohrungen durchführen. Seit zwei Jahren ist die Firma im Besitz einer Lizenz, die sie zur Suche berechtigt. Seit letztem Jahr laufen jedoch grüne Politiker, Naturschützer und Kommunen Sturm gegen die Pläne. Der Grund ist: Die Bohrungen und ein allfälliges Fracking würden in einem Wasserschutzgebiet stattfinden. Genauer: in einem der Einzugsgebiete des Bodensees. «Krebserregende Stoffe» Der grüne Landtagsabgeordnete Siegfried Lehmann aus Radolfzell sagt: «58 der 260 Chemikalien, welche Firmen in den USA für das Fracking benützen, sind für die Umwelt bedenklich, teilweise giftig und krebserregend.» Bei zwei Pannen, welche sich bei Bohrungen in Norddeutschland ereignet haben, sei Quecksilber und Benzol in Grundwasser und Erdreich gelangt, erklärt Lehmann. Er ist entrüstet darüber, dass Kommunen und Bevölkerung lange Zeit wenig oder keine Kenntnis über die Fracking-Pläne hatten. Der See ist als Trinkwasserspeicher für rund fünf Millionen Menschen von grosser Bedeutung. Deshalb beobachten auch die Nachbarn aus Vorarlberg, St. Gallen und dem Thurgau die Entwicklung im Grossraum Konstanz sehr genau. Der SVP-Nationalrat Lukas Reimann hat gar eine Eingabe im Nationalrat gemacht. Das Fracking-Projekt am Bodensee sei ein nicht hinnehmbares Risiko für Umwelt, Sicherheit und Tourismus. Er will wissen, ob sich «der Bundesrat entschieden gegen die umstrittenen Pläne wehren und die Schweizer Interessen auch ge­gen­über Deutschland vertreten» werde. In der gestrigen Fragestunde im Nationalrat hätte Bundesrätin Doris Leuthard die Frage Reimanns beantworten sollen. Die Fragestunde war jedoch um, bevor Bundesrätin Leuthard Stellung nehmen konnte. Voraussichtlich erfolgt die schriftliche Antwort heute. Gestern tagten die Regierungschefs der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK) in Radolfzell. Fracking stand auf der Traktandenliste. Man einigte sich in der Diskussion darauf, dem Schutz des Trinkwassers müsse eine hohe Priorität eingeräumt werden. Seit 2008 boomt die Fracking-Industrie in den USA und hat dank vieler neu geschaffener Arbeitsplätze in dünn besiedelten Staaten wie Colorado oder North Carolina und einem stark sinkenden Gaspreis zu einem wirtschaftlichen Aufschwung geführt. In Europa ist keine Euphorie zu spüren. In den Staaten, in denen Schiefergas vermutet wird, wurden zwar Probebohrungen durchgeführt – auch in der Schweiz. Kommerziell wird jedoch noch nicht gefrackt. Einige Staaten haben die Methode verboten oder Bewilligungen auf Eis gelegt, etwa Frankreich und Polen. Fribourg will kein Fracking In der Westschweiz haben etliche Firmen bei den Kantonsregierungen um die Erlaubnis zur Exploration angefragt. Unter den Interessenten befindet sich Martin Schuepbach. Er stammt aus Baden AG, wanderte nach Texas aus und hat dort in der Förderung von fossilen Ener­gie­­trägern gearbeitet. Für seine Ambitionen in der Schweiz hat er die Firma Schuepbach Energy mit Sitz in Zug gegründet. Dann stellte er Gesuche zur Exploration des Fribourger Mittellandes zwischen Fribourg und Bulle und einer Region in der Waadt. Die Kantone bewilligten und Schuepbach machte sich an die Arbeit. Als es jedoch dar­um ging, die Bewilligung für Fribourg verlängern zu lassen, zwang der öffentliche Druck aus der betroffenen Region um Romont die Kantonsregierung zum Handeln: Im April 2011 verbot sie die Suche nach fossilen Ener­gie­­trägern. In der Waadt, in Neuenburg und im Jura gehen die Explorationen weiter.

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