Zum Hauptinhalt springen

Erdrutschsieg für den Kreml

simferopol. Über 80 Prozent der Krim-Bevölkerung sollen an die schwer bewachten Urnen gegangen sein. Über 96 Prozent haben laut offiziellen Angaben für den Anschluss an Russland gestimmt, dar­un­ter offenbar Tausende von Toten und Russen.

Eine solch ausgelassene Feier hatte es auf dem Leninplatz in Simferopol seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben. Tausende schwenkten freudestrahlend russische Flaggen, viele sangen die russische Nationalhymne. «Hurra! Hurra! Rossija!», riefen Tausende Kehlen, als auf der Grossleinwand des zentralen Platzes der Hauptstadt der ukrainischen Autonomen Republik Krim die Exit Polls eingeblendet wurden. Demnach hatten sich 93 Prozent der Stimmbürger für den Anschluss an die Russische Föderation ausgesprochen. Gefeiert wurde bis in die Morgenstunden.

Am Montagmorgen stellte sich heraus, dass die Exit Polls viel zu tief lagen. 96,77 Prozent der rund 1,3 Millionen Stimmberechtigten haben laut offiziellen Angaben der selbst ernannten prorussischen Krim-Regierung den Anschluss an Russland gutgeheissen. Nur 3,5 Prozent stimmten für eine Rückkehr zu dem von Kiew abgelehnten Autonomiestatut von 1992, das die Halbinsel praktisch unabhängig machte. Die Wahlbeteiligung lag trotz der Boykottaufrufe der proukrainischen, tatarischen Minderheit offiziell bei 81,4 Prozent. In der Hafenstadt Sewastopol, die einen Sonderstatus geniesst, lag sie laut Angaben der Internetzeitung «Ukrain­skaja Prawda» gar bei 123 Prozent. Fast eine halbe Million Wähler hatten in der gut 350 000 Einwohner zählenden Stadt abgestimmt. Kein Wunder, sprach die Nichtregierungsorganisation Ukrainisches Wählerkomitee gestern von massenhaften Fälschungen. So konnten sich willige Wähler offenbar noch am Abstimmungstag in den Wahllisten eintragen lassen. Neben den Krim-Bewohnern haben so vermutlich Tausende von Toten und Russen mitgestimmt.

Wenig Boykott

Laut dem informellen Tatarenchef Mus­tafa Dschemilew haben 99 Prozent der turksprachigen Urbevölkerung, die heute ­wieder 12,1 Prozent der Bevölkerung stellt, das Referendum boykottiert. Der selbst ernannte Krim-Premier Sergej Aksjonow berichtete indes in der Nacht, 40 Prozent der Tataren hätten an der Abstimmung teilgenommen, die un­ter Bewachung schwer bewaffneter «Krim-Selbstverteidiger» stattfand.

«Ich bin erstaunt dass statt 101 Prozent nur deren 96 Ja sagten», kommentierte der ukrainische Übergangspremier Arseni Jazenjuk den Ausgang. Dann jedoch wurde der Ukrainer ernst. «Die Krim ist ukrainisches Territorium und ihre Bürger sind Ukrainer, deshalb wird es keine Anerkennung dieses sogenannten Referendums geben.» Das Parlament in Kiew beschloss als Reaktion die Teilmobilmachung der ukrainischen Armee sowie der Nationalgarde, die neu 40 000 Armee- und Polizeiveteranen umfassen soll.

Dmitro Jarosch, der Anführer des radikalen, nationalistischen «Rechten Sektors», drohte mit Angriffen auf die russischen Transitpipelines durch die Ukraine. «Wenn nur ein Fuss russischer Soldaten auf unsere Erde kommt, unternehmen wir alles, damit der Okkupant einen möglichst hohen Preis dafür zahlen muss.» Der «Rechte Sektor», der bis zu 5000 Paramilitärs unter sich haben will, hat schon vor ein paar Tagen eine Mobilmachung ausgerufen.

Auf der Krim machten sich am Montag die selbst ernannten, prorussischen Organe schleunigst daran, den vom Volk in dem umstrittenen und international ausser von Russland kaum von jemandem anerkannten Referendum abgesegneten Anschluss an die Russische Föderation einzuleiten. Am Vormittag rief das Krim-Parlament die Unabhängigkeit der Halbinsel aus und stellte im Namen der neuen «Republik Krim» sofort ein Aufnahmegesuch an Russland. Das Moskauer Finanzministerium liess umgehend verlauten, die Krim könnte künftig eine Sondersteuerzone werden. Damit könnte die Hoffnung des Kremls verbunden sein, der russischen Kapitalflucht in die EU einen gewissen Einhalt zu gebieten.

Per 30. März soll zudem die Moskauer Zeit sowie der Russische Rubel als Zahlungsmittel eingeführt werden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch