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«Es geht um Wertschätzung der Musik»

Noëmi Nadelmann, seit Jahren eine der gefragtesten Opernsängerinnen der Schweiz, wagt neue Wege: Sie setzt sich für eine Abstimmungsvorlage ein, will sich in einem neuen Fach der klassischen Musik beweisen und macht Platz für eine neue Liebe.

Im Dezember singen Sie in der Produktion «Viva Verdi» im Hallenstadion. Eine grosse Kiste, die nicht nur Opernfreunde ansprechen soll. Was macht Verdi für Sie so besonders? Noëmi Nadelmann: Ich habe gerade am Menuhin-Festival die Gala gesungen, eine «Notte italiana» mit den Komponisten Puccini und Verdi. Sie entführen in zwei komplett verschiedene Welten. Verdi verkörpert die süssere, lieblichere Welt. Er ist der König der Melodien. Das Chorwerk «Va, pensiero» aus «Nabucco» ist – man darf das sagen – schon fast ein Gassenhauer. In Italien singt das jeder! Es wurde zur Hymne gegen die Obrigkeit während der Revolution. Das Lied hat die breite Masse erreicht. Für mich ist Verdi dar­um etwas wie der Popstar aus jener Zeit. Eine Art Lloyd Webber des 19. Jahrhunderts. Er schuf eingängige und doch so anspruchsvolle Musik, die mitreisst (stimmt «Libiamo» aus der «Traviata» an), man kann doch kaum still sitzen bei dieser Melodie. Und dar­un­ter hört man tolle Rhythmen: n-z-z, n-z-z, fast wie ein Schlagzeug. Ein Genie! Fast wie Techno? Es hat etwas davon, ja! Seine schnelle Musik hat diesen Schlag drauf. Wie Sie schwärmen. Würden Sie heute eine Popstarkarriere einschlagen? Nein, ich bin ganz klar in der Klassik zu Hause. Verdi klingt so einfach, doch seine Musik und der ganze Aufbau hinter der Melodie ist hoch kompliziert und raffiniert. Wehe, ein Sänger verpasst diese Bausteine, er kann sich leicht verirren. Also mögen Sie Popmusik nicht? Wenn eine Ballade meine Gefühle zu berühren vermag, doch. Ich lasse mich auch zum Hüftschwingen mitreissen, wenn die Musik gut ist. Aber eine süsse Melodie alleine mit etwas «Beat» reicht mir nicht, das kommt mir dann vor wie ein billiger Groschenroman. Gibt es für Sie aber in der Pop- und Rockwelt auch so etwas wie ein Genie? Phil Collins hat eine geniale Ader, Melodien und Melodienstränge zu erfinden, die einem bleiben. Auch Céline Dion oder Whitney Houston gehören für mich in diese Sparte. Aktuell beeindruckt mich Adele mit ihrer wunderbaren Altstimme, mit der sie den Menschen etwas bietet. Dasselbe denke ich über die Musik von Amy Winehouse. Was halten Sie von Madonna? Ich würde sie nicht als die ganz grosse Sängerin bezeichnen. Ich wüsste gerne, ob sie auch ohne elektrische Verstärkung etwas zu bieten hat. Sie ist aber sicher eine tolle Performerin. Und die Schweiz? Gibt es auch Talente, die Sie nennen könnten? Sina zum Beispiel kann wunderbar singen. Es gibt mir aber zu denken, dass Künstler wie sie – so habe ich es gelesen – mit ihrer Leistung nicht wirklich davon leben können. Das ist doch traurig. Vielleicht, weil der Musikmarkt Schweiz zu klein ist? Gute Frage. Um in der Schweiz Fuss zu fassen, musste auch ich tatsächlich über das Ausland gehen (wird nachdenklich). Es ist, als ob der Schweizer dem Schweizer nicht alles zutraut. Der Schweizer traut dem Schweizer oft zu wenig zu. Zumindest in der Kunst ist das so, weniger im Sport. Nehmen wir das Beispiel Anatol Taubmann. Der Schauspieler musste die Schweiz von Hollywood aus erobern, dabei war er doch vorher schon super. Sina müsste auch übers Ausland gehen, sie würde bestimmt einen Weg finden. Denn ihr Erfolg ist nicht nur dem Walliserdialekt zuzuschreiben, sondern ihrer Stimme, ihrem Ausdruck, ihrer Schönheit. Auch im Opernhaus Zürich haben noch nicht manche Schweizerinnen und Schweizer singen dürfen. War­um haben Sie es geschafft? Hatten Sie Glück? (Reisst ihre Arme in die Höhe, ihre Stimme wird laut) Glück ist immer im Spiel! Mein Gott! Es gibt manche, die sagen: Für den Erfolg braucht es 90 Prozent Glück und Nerven, und nur 10 Prozent macht die Stimme aus! Man muss im richtigen Moment am richtigen Ort sein. Und just in dem Moment muss die Stimme in Höchstform sein. Auch meine Stimme ist nicht immer perfekt disponiert (lacht). Was heisst denn Erfolg für Sie? Vom Singen leben zu können. Das ist im künstlerischen Bereich schon mal nicht selbstverständlich. Sie können das aber seit vielen Jahren. Sie haben zurzeit sieben Tonträger auf dem Markt. Je berühmter du bist, desto höher ist die Erwartungshaltung. Man muss immer dem entsprechen, was auf der CD zu hören ist. Das ist wie Sport. Man muss immer Spitzenleistung bringen, Usain Bolt sein. Klar, ich werde dafür ja bezahlt. Aber da ist permanenter Druck, und die Stimme verändert sich. Ich bin dauernd an der Arbeit: Ich lerne Texte auswendig, analysiere Partien und arbeite an der Stimmtechnik, alleine oder mit meinem Coach. Daneben gebe ich Gesangsunterricht. Alles in allem kommen da in der Woche rund 50 Stunden zusammen. Am 23. September stimmen wir dar­über ab, ob Musik in der Volksschule den gleichen Stellenwert wie Sport und damit mehr Förderung erhält. War­um ist die Vorlage so wichtig? Es ist wie überall. Zuerst wird in Rezessionszeiten immer bei der Kunst gespart. Sie ist ein Luxus. Wenn das WC verstopft ist, braucht man einen Sanitär. Man muss aber nicht ins Museum oder in die Oper gehen. Wir sind immer mehr von privaten Gönnern abhängig. Unterstützung vom Staat wird seltener. Gerade habe ich in Küsnacht das Kinderprojekt «Wir machen Oper» gemacht. Das haben ausschliesslich Mäzene und die Kirche finanziert. Die Kinder konnten aktiv mit mir und Gesangskolleginnen zusammenarbeiten, und sie liessen sich von der magischen Welt der Kunst begeistern! Wird aber die Schweiz musikalischer, wenn Musik im Lehrplan einen höheren Stellenwert bekommt? Alle Kunst, die man Kindern nahebringt, wird im Erwachsenenalter mehr Bedeutung haben. Es macht mich traurig, dass nicht alle Kinder ein solches Projekt wie beispielsweise jenes in Küsnacht miterleben können. Kunst hat auch eine heilende Wirkung, auf Körper, Geist und Seele. Was ist mit den unmusikalischen Leuten? Nicht alle können sich so dafür begeistern wie Sie. Die Freude an der Musik hängt stark von den Lehrpersonen ab. Es gibt Lehrer, die Kindern die Freude nehmen, indem sie sie zwingen, alleine vorzusingen. Es braucht aber eine spielerische Herangehensweise. Hier wäre Handlungsbedarf. Schulen müssten mehr mit Künstlern zusammenarbeiten, sie in die Klassen einladen. Wir haben so viele tolle Künstler in der Schweiz – die sich dafür auch Zeit nehmen würden. Sie wollen den Künstlern mit der Unterstützung der Vorlage Jobs verschaffen? Dar­um geht es nicht. Musik ist nicht nur CD. Sie lebt auch von der Atmung und der Mimik, vom Live-Erlebnis. Ich erinnere mich gerne an ein Konzert zur Eröffnung der Fussball-Europameisterschaft 2008. Damals sang ich vor einer Menge Leute, die mit Klassik bis anhin nichts zu tun hatten. Ich hatte da einen dickbäuchigen Mann mit Bier in der Hand im Augenwinkel, der sich ausschüttete vor Lachen, als ich zu singen begann. So ab der zweiten Arie, Puccinis «O mio babbino caro», wurde er stiller, grölte nicht mehr. Dann kam das dritte Stück, «Meine Lippen, sie küssen so heiss», sein Kiefer senkte sich und blieb eine ganze Weile offen, ohne dass er es bemerkte. Ich hatte meinen Bierbäuchler mit klassischer Musik – und ja, auch etwas Sex-Appeal (lacht) – erobert. Ein wunderbares Erlebnis. Er rief am Schluss nach einer Zugabe. So etwas erlebt man nur live! Würden Sie sagen, es gibt gar keine unmusikalischen Menschen? Richtig. Auch Musik zuzuhören, ist eine Form von Musikalität. Auch ein CD-Player ist ein Instrument. Im Radio die richtige Musik zu finden, ist eine Art Instrument spielen. Nicht alle Leute müssen selber Musik produzieren. Aber es geht darum, die Wertschätzung für die Musik, sei es Klassik, sei es Heavy Metal, aufzubringen. Rocker Chris von Rohr verlangte in einer «MusicStar»-Staffel «mehr Dreck». Was halten Sie von dieser Aussage? Für mich ist «mehr Dreck» eine Klangfarbe. Ich bin absolut dafür, dass man der Stimme Farbe gibt. Das Raue erzeugen zu können, ist eine technische Frage. Aber je rauer man singt, desto heikler ist es für die Stimmbänder. Viele Sänger, zum Beispiel Bill Kaulitz von Tokio Hotel, mussten ihre Stimmbänder deswegen schon mehrfach operieren. Oft, weil sie – sorry – keine Ahnung vom Singen haben. Sind Sie ein politischer Mensch? Ja, aber ich spreche nicht darüber. War­um nicht? Ich fühle mich zu dumm dafür. Politiker reden immer so gescheit, da komme ich als einfache Musikerin nicht mit und werde ganz scheu. Jetzt kokettieren Sie. Sie verstehen hochkomplexe Partituren. Ich meine es ernst. Ich äussere mich nur zu Vorlagen, die sich um Musik oder Kinder drehen. Apropos Kinder: Welche Pläne haben Sie nun, wo Ihre Tochter auszieht? Ich wende mich einem neuen Fach der klassischen Musik zu, wechsle vom jugendlich-dramatischen ins dramatische. Mein Körper und meine Stimme sind reif dafür, die Kraft ist jetzt da. Es passt gut, dass meine Tochter Jamileh nun ihren Weg geht. Sie kann an der London University of Arts Modedesign studieren. Und auf mich wartet wahnsinnig viel Arbeit. Ich muss viel vorsingen und mich im neuen Fach unter Beweis stellen. Dar­auf freue ich mich. Sie und Ihre Tochter haben eine sehr enge Beziehung. Nun gibt es Platz für Neues. Gibt es nun auch Platz für eine neue Liebe? (Strahlt) Sagen wir es so: Jetzt, wo meine Tochter ihren eigenen Weg geht, habe ich etwas mehr Zeit, meinen Freundeskreis zu pflegen. Vermuten wir richtig: Es zeichnet sich am Horizont eine neue Liebe ab? (Schmunzelt) Vielleicht …

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