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«Es ist toll, radikale Figuren zu spielen»

Mit «Volpone» nach Ben Jonson geht das Theater Kanton Zürich in den Sommer. Andreas Storm spielt die Hauptfigur. Ein Gespräch über Geld, Gier, Gold und Geiz. Und auch Spiderman.

Im Stück «Volpone» spielen Mosca, die Schmeissfliege, Corbaccio, der Rabe, Corvino, die Krähe. Wer ist der Fuchs Volpone? Andreas Storm: Er ist ein habgieriger Mensch, jemand, der Highrisk spielt, ein Spieler überhaupt, der die niedrigen, die dunklen Seiten der Menschen ausnutzt. Volpone macht hier Dinge, die man sonst nicht macht. Aber von ihm ginge eigentlich keine Gefahr aus, würden die anderen Leute nicht auf ihn hereinfallen. Es ist das alte Lied: Das Geld vernarrt die Welt. Die Menschen sind so habgierig im Stück. Volpone nutzt das aus. Wahrscheinlich ist er selber gar nicht so habgierig wie die anderen. Es geht ihm eher ums Prinzip. Er will das Geld und die Macht – einfach um klarzustellen: Ich kann das. Volpone versteht die Menschen, er hat erkannt, wie manipulierbar sie sind. Das macht das Stück auch so aktuell, es passt super in die Schweiz. Es ist ein Stück über Geld, Macht und Gier. Volpone ist eine sehr spielerische Figur. Vor allem spielt dieser Mann mit den Emotionen der anderen. Das macht ihn selber zum Schauspieler in dieser Komödie um Sein und Schein. Das Spielerische, diese Leidenschaft und diese Lebenslust, das ist der erste Weg, den man begeht, um Volpone zu spielen. Es ist natürlich super interessant, dass da jemand ist, der eine wahnsinnige Lebenslust hat, aber die meiste Zeit den Todkranken spielt. Diese Mischung ist der Kern der ganzen Komik. Sobald Volpone nichts mehr vorspielen muss, ist er voller Saft und Kraft. Die Lust an der Verstellung kann auch bös ausgehen. Dieser Widerspruch ist natürlich total interessant. Volpone fordert das Schicksal heraus, wird aber selber vom Schicksal bestraft: Er wird wirklich krank. Das ist die andere Seite der Medaille. Man spielt eben nicht einfach so mit Dingen wie Gesundheit, Tod und Habgier. Da muss man auch manchmal unten durch. Wie weit macht er sein Spiel mit? Er ist einer, der etwas in den Raum setzt, aber nicht bis zum Ende alles durchkontrolliert. Das kann halt dann manchmal auch nach hinten losgehen. Aber nur dadurch fühlt Volpone sich wach, voller Leben. Er ist einer, der die Dinge komplett laufen lässt, nachdem er die Spielanlage vorgegeben hat. Ist es schwierig, Volpone zu sein? Es ist toll, ihn zu spielen, aber auch schwierig. Im Alltag ist man viel normaler, viel ausgeglichener, viel weniger bipolar – sonst könnte man ja gar nicht arbeiten. Aber diese Figur auf der Bühne auszuleben, macht grundsätzlich Spass. Es ist toll, radikale Figuren zu spielen, die man selber gar nicht ist. Wie findet man den Zugang zu einer Figur, die man nicht selber ist? Ich komme eher von der Literatur her. Die Psychologie des Menschen, seine Abgründe, das Rätselhafte, hat mich auch immer schon interessiert. Das Theater ist die perfekte Mischung aus diesen beiden Untersuchungsgegenständen. Und das ist das Wunderbare an diesem Beruf, dass man sich sechs, sieben Wochen mit Tschechow beschäftigen kann, um dann die Untersuchungsergebnisse auf die Bühne zu bringen. Wie funktioniert das bei «Volpone»? Durch Proben kommt man zu ähn­lichen Erkenntnissen wie mit der Untersuchung am Text. Da ist Theater umwerfend und schlägt auch den Film. Und es ist doch faszinierend, dass ein Stück, das vor mehr als vierhundert Jahren geschrieben wurde, heute auf der Bühne immer noch funktioniert. Ben Jonson, von dem fast nur «Volpone» blieb, bleibt so im Gedächtnis. Natürlich muss Theater heutig sein und auch unterhalten. Es hat aber auch die Aufgabe, Literatur am Leben zu erhalten. Es wäre zu einfach, nur Gegenwartsstücke oder Boulevard zu spielen. Es gibt auch ein Bewahren. Wie schreibt sich «Volpone» in diese Tradition ein? Kann ein altes Stück mit der Zeit mithalten? Eine Million Aufführungen von Shakespeare-Stücken gibt es schon. Da könnte sich die Frage stellen: War­um braucht es immer neue Inszenierungen? Die Antwort ist: deswegen. Theater muss sich immer wieder erneuern – eine Tendenz, die sich jetzt auch im Film zeigt. Alle zehn Jahre kommt auch ein anderer Spiderman für eine neue Generation Kinder ins Kino. Sie spielen jetzt den Volpone diesen Sommer in Bülach, Elsau, Oberrieden, Winterthur und bis nach Hausen bei Ossingen: Das sind total 27 Vorstellungen en suite. Die Wiederholung wird in unserer Gesellschaft oft ein bisschen unterschätzt wie auch die Rituale. Theater ist aber keine Repetition. Für einen Schauspieler ist die Geschichte jeden Tag neu. Ich habe auch schon 101-mal den «Sommernachtstraum» gespielt, was überhaupt kein Problem war. Denn jede Aufführung ist wieder anders. Und was sagt der Fuchs über Fliege, Rabe und Co.? Bei «Volpone» ist toll, dass ich mit den meisten Schauspielerinnen und Schauspielern schon gearbeitet habe. Ein umwerfendes Cast. Es ist immer noch eine grosse Freude, mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem En­sem­ble zusammen zu spielen – ich bin auch geschmeichelt, dass ich ein Teil davon sein kann. Und auch die Gäste sind wirklich toll. Eine sehr schöne Gruppe. Ich hoffe, dass alles gut wird. Das weiss man ja nie. Aber die Grundvoraussetzungen sind mal gegeben. «Volpone» Theater Kanton Zürich, Freilichtpremiere am 21. Mai in Bülach. Ab 3. Juni auch diverse Aufführungen in Winterthur, den Spielplan findet man hier: www.theaterkantonzuerich.ch

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