Zum Hauptinhalt springen

Es lebe der Standard! Oder doch nicht?

Meine Buchhändlerin sucht mir jedes Buch, das ich möchte oder von dem ich noch gar nicht weiss, dass ich es möchte. Ein Kunde ist Golffan? Innert zwei Tagen habe ich mindestens fünf tolle Vorschläge von Golfbüchern jeder Preisklasse. Ein Wandervogel? Dem Alter, den Vorlieben und der Kondition des potenziellen Empfängers angepasst, ausgewählt aus Hunderten von Wanderbüchern. Das ist Service, den ich mir gefallen lasse! Oder ich wünsche mir einen richtig schnulzigen Liebesroman für die Zeit vor dem Kaminfeuer? Mit Herzblut und Leidenschaft erzählt sie mir von einem Buch, das sie gelesen hat. Und war­um sie es mir empfiehlt. Es liegt nicht vorne auf dem Bestseller-Tisch, sondern oben in der Abteilung Mystik/Religion. Wo wird dieses Buch in Zukunft sein? Und wer wird es mir empfehlen? Wenn es denn überhaupt noch den Weg in die Gestelle findet? Ich habe es in der Zwischenzeit gelesen – ein wunderbares Buch! Und alleine hätte ich es gar nie gefunden!

Kürzlich haben zwei grosse Buchhandlungen fusioniert. Um der grossen Konkurrenz aus dem Versandhandel die Stirn zu bieten, sagt man. Und was passiert an der Front, im Laden? Die Läden werden neu zentral beliefert. Will heissen, das Angebot wird nicht mehr nachfrage-, sondern angebotsorientiert sein und standardisiert werden. Was sich verkaufen soll, landet in den Regalen. Wer bestimmt das? Und nach welchen Kriterien? Bestseller. Rein zahlenorientiert. Der gleiche Einheitsbrei überall. Lustvolles Blättern in Büchern, Schmökern in seiner stillen Ecke, etwas Unbekanntes entdecken – das war gestern. Standardisierte Produkte beherrschen das Bild in den Läden, ich nenne das Weltbildisierung. Gleich wie bei den Nespresso-Kapseln. Der Kaffee schmeckt überall gleich. En Grüene oder en Violette? Der Geschmack ist vorhersehbar, kein Überraschungseffekt mehr. Hilfe, wo gibt es noch Segafredo-Cappuccino mit richtigem Milchschaum? Der echte Individualismus stirbt aus, trotz überall beklagtem Gegenteil.

Die sogenannte Individualisierung findet immer nur im Rahmen von kommerzialisierten Leitplanken statt – eigentlich meinen wir damit ja Egoismus. Echter Individualismus, der sich der Norm entzieht, hat immer weniger Platz, wird ausgegrenzt, mit Medikamenten ruhiggestellt oder sogar ganz ausradiert. Er hat auf jeden Fall einen schweren Stand. Er beschränkt sich heute auf das Layout der heruntergeladenen, vorgegebenen Apps auf dem mittlerweile zum Standard gewordenen iPhone. Die Menschen beklagen sich über Leere, fühlen sich hohl. Kein Wunder! Standards, Prozesse, Prozeduren, Qualitätssicherung – von allen Seiten unter Druck, bedrückt und gequetscht. Das wilde Spriessen, die Kreativität ist in Nischen verbannt. Zuerst belächelt als Subkultur, später vielleicht von cleveren Marketingleuten kommerzialisiert und dann zum Hype hochstilisiert. Aber natürlich nur, wenn sich damit Geld machen lässt. Beispiele: McDonaldisierung, Nespresso, Kleiderketten, Starbucks. Vorteil: Man/frau weiss, was man bekommt. Nachteil: dito. Das Leben wird weniger farbig, fröhlich, spannend, weniger zäh, weniger mitreissend, es bietet wenig Überraschendes, Störendes, auch Unvorhergesehenes. Das bedeutet weniger Spass, Lebendigkeit, kurz weniger Leben überhaupt. Nur eine kürzliche Zeitungsnotiz, dass der reale Buchhandel Zuwächse ver­zeichne, stimmt mich einigermassen zuversichtlich. Es gibt wohl noch Hoffnung für uns unverbesserliche Bücherwürmer!

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch