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Es war «Rowdytum aus religiösem Hass»

moskau. Die Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot sind zu je zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Damit bleibt die Richterin leicht unter den geforderten drei Jahren. Vor dem Gericht wurde Ex-Schachweltmeister Kasparow verhaftet.

Im Prozess gegen Pussy Riot sind Überraschungen erwartungsgemäss ausgeblieben. Die drei Punkrockerinnen werden nicht freigelassen. Mit zwei Jahren Lagerhaft blieb die Richterin nur knapp unter der Forderung der Anklage, die je drei Jahre für sie beantragt hatte. Damit wurde auch der öffentlich geäusserte Wunsch des Präsidenten Wladimir Putin erfüllt, die jungen Frauen «nicht ganz so streng» zu bestrafen. Für die Angeklagten, von denen zwei kleine Kinder haben, ist Freiheitsentzug generell eine harte Strafe. Bei einem Bagatelldelikt wie dem «Punkgebet» in der Kirche hätten sich die Behörden mit den von ihnen bereits in der Untersuchungshaft verbrachten knapp sechs Monaten begnügen oder die Strafe auf Bewährung aussetzen können. Die Angeklagten wurden gestern schon um 9 Uhr früh herangefahren und mussten sechs Stunden auf den Beginn der Sitzung warten. Wie in Russland üblich, begann diese mit der Urteilsbegründung, die faktisch mit der Anklageschrift identisch war. Das Strafmass sollte erst später bekannt gegeben werden. Da den drei Frauen «Rowdytum aus religiösem Hass» vorgeworfen wurde, war jedoch schnell klar, dass es sich um Freiheitsstrafen handeln würde. Sie bekannten sich weder als schuldig, noch legten sie Reuebekenntnisse ab. «Ganz gleich, wie das Urteil ausfallen wird, haben wir und ihr bereits gesiegt», schrieb die als Anführerin der Gruppe geltende Nadeschda Tolokonnikowa in einem im Internet durch ihren Anwalt Mark Fejgin gestern veröffentlichten offenen Brief. Früher hatten Pussy Riot erklärt, sie würden Wladimir Putin nicht um Gnade bitten – «den nicht». «Putin ist das Gesicht all des Bösen und Unmoralischen, was es in der verkümmerten russischen Politik gibt», so Tolokonnikowa. Sie seien die Punkstimme des vergangenen Protestwinters, der zeige: «Putin hat Schiss.» Gestern versammelten sich mehrere Hundert Anhänger und Gegner der Punkfeministinnen zur Urteilsverkündung vor dem Chamownitscheski-Gericht. Am Donnerstag hatte der bekannte Schriftsteller Boris Akunin alle Intellektuellen aufgerufen, an der spontanen Demonstration teilzunehmen. Er hoffe zwar nicht, das Urteil zu beeinflussen, es gehe aber um solche Dinge wie Ehre und Gerechtigkeit. Die Versammelten wurden auf der anderen Strassenseite hinter Eisenschranken zurückgehalten. Journalisten wurden tröpfchenweise hineingelassen, aber nur nach vorher vorbereiteten Listen. Die Mehrheit ist zufrieden Eine Stunde vor Beginn der Gerichtssitzung setzten Festnahmen ein. Unter den Festgenommenen befand sich der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow. In der Nähe geparkte Autos wurden abgeschleppt. Sympathisanten hatten schon am frühen Morgen Moskauer Denkmälern bunte Pussy-Riot-Mützen übergestülpt. Der Nationaldichter Alexander Puschkin und ehemalige Partisanen bekundeten ungewollt Solidarität mit der Punkgruppe. Sympathiekundgebungen wurden aus 60 russischen Städten gemeldet, doch sollte man diese Reaktionen nicht überbewerten. Das unabhängige Lewada-Zentrum veröffentlichte am Tag der Urteilsverkündung die Ergebnisse seiner neuesten Meinungsumfrage. 44 Prozent der Befragten bezeichneten den Pussy-Riot-Prozess als «gerecht und unvoreingenommen». Nur 17 Prozent glauben nicht an die Ehrlichkeit der Richter. 18 Prozent denken, das Urteil komme «auf Weisung von oben» zustande. 36 Prozent sind dagegen überzeugt, dass es «aufgrund der vorliegenden Beweise» gefällt werde. Nur 4 bis 6 Prozent bezeichneten Putin und den Patriarchen Kyrill als Urheber des Verfahrens. 23 Prozent glauben, dass die Anregung von der «breiten kirchlichen Öffentlichkeit» ausging. Der Direktor des Lewada-Zentrums Lew Gudkow sagte zu diesem Ergebnis, die meisten Bürger würden ihre Informationen aus dem Staatsfernsehen beziehen. Auch sei die russische Gesellschaft «sehr aggressiv und unmoralisch» und sehne sich nach autoritären, dogmatischen Figuren. Die Staatsmacht ermuntere besonders konservative und ungebildete Bevölkerungskreise, sagt der bekannte Menschenrechtler Lew Ponomarjow. Patententzug für Anwälte? Die Verteidiger hatten für ihre Mandantinnen den Freispruch gefordert. Jetzt wollen sie gegen das Urteil Berufung einlegen. Ob sie dazu in der Lage sein werden, muss allerdings bezweifelt werden. Die Anwälte hatten schon während des Prozesses die Befürchtung geäussert, dass man sie nach dem Prozess von der Moskauer Anwaltsliga suspendieren werde. Das käme faktisch einem Berufsverbot gleich.

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