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Ewiger Traum vom eigenen Bistum

Seit vielen Jahren hegen die Zürcher Katholiken den Wunsch nach einem selbstständigen Bistum Zürich. Die Schweizer Bischöfe hatten dafür einst offene Ohren, doch dann verpuffte ihr Reformwille.

Als der Synodalrat, die Exekutive der Zürcher Katholiken, im April die Rechnung 2012 vorlegte, war unter dem Titel «Fonds Bistum Zürich» ein Eintrag von 1,16 Millionen Franken vermerkt. Der Fonds war im Jahr 1990 gegründet worden – mit der Absicht, damit ein eigenes Bistum Zürich zu schaffen. Kurz davor war in Chur unter Umgehung von Gewohnheitsrecht und vertraglichen Regeln Wolfgang Haas als Bischof eingesetzt worden. Landauf, landab schäumten die Katholiken ob des eigenmächtigen Vorgehens des Vatikans. 23 Jahre ist das her, ein Bistum Zürich scheint noch immer in weiter Ferne zu liegen. Nur selten taucht der Gedanke auf, mal in einer Rede, mal in einem Zeitungsartikel. Dabei waren die Worte der Zürcher Katholiken im Jahr 1990 deutlich: In einem Brief an die Schweizerische Bischofskonferenz forderten sie die Loslösung von Chur – dem Bistum, dem sie gar nicht recht angehören. Denn Zürich ist bloss Administrationsgebiet des Bistums, nicht eigentlicher Teil davon. Ein Provisorium, das 1821 errichtet und zum Providurium wurde. Arrogante Zürcher? Dabei haben neu geschaffene Bistümer in der Schweiz fast schon Tradition. Zu nennen sind St. Gallen (1847) und Tessin (1968). Und nachdem die Si­tua­tion im Bistum Chur unter Wolfgang Haas prekär blieb, zauberte der damalige Papst Johannes Paul II. 1997 das Erzbistum Vaduz aus dem Hut und schaffte es so, den Problembischof Haas quasi über Nacht wegzubefördern. Haas gebietet seither über die kleine Zahl von 27 000 liechtensteinischen Gläubigen. Angesichts der Effizienz, die der Heilige Stuhl bei dieser Übung an den Tag legte, stellt man sich in Zürich wohl zu Recht die Frage, war­um eine Neustrukturierung der Bistumslandschaft unmöglich sein soll. In der «Südostschweiz» nörgelte ein Kommentator vor zwei Jahren: «Die Zürcher Glaubenssoldaten, die sich im bürgerlichen Leben in der wichtigsten Stadt der Schweiz wähnen, begreifen nicht, wieso ihr kirchlicher Kommandant in der Provinz sitzen soll.» Doch es irrt, wer die Idee für ein Zürcher Bistum in der oft bemühten Arroganz der Zürcher vermutet. Den Anstoss dazu gab 1977 die Schweizerische Bischofskonferenz selber, nachdem Papst Paul VI. dazu aufgerufen hatte, die Einteilungen der Diözesen zu überprüfen. Die Bischofskonferenz setzte eine Kommission ein, die Varianten für die Neueinteilung der Bistümer erar­bei­te­te. Im Vatikan vorsondiert Ihre Überlegungen stützte die Kommission auf das Zweite Vatikanische Konzil. Dort ist festgehalten, Diözesen sollen aus «einem zusammenhängenden Gebiet» bestehen, nicht zu gross und nicht zu klein sein und «die verschiedenartige Zusammensetzung des Gottesvolkes» berücksichtigen. Diese Grundsätze sind in der Schweiz mitnichten umgesetzt: Die Diözesen Basel und Chur sind im Grunde viel zu gross, Basel verfügt zudem mit Schaffhausen und Thurgau nach wie vor über zwei Exklaven. 1980 präsentierte die Kommission zwei Varianten zur Neustrukturierung der Diözesen. In beiden war das Bistum Zürich unbestrittener Bestandteil. Ivo Führer war damals Generalsekretär des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen und von 1995 bis 2006 Bischof von St. Gallen. Er erinnert sich, dass die Bischofskonferenz den Ball in den Neunzigerjahren wieder aufnahm und eine Arbeitsgruppe mit dem Thema betraute. Walter Müller, Sprecher der Schweizerischen Bischofskonferenz, bestätigt, dass das Projekt Neueinteilung der Bistümer in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre vorangetrieben wurde: «In Zusammenarbeit mit dem päpstlichen Nuntius wurden Vorschläge für die Bischofswahl ausgearbeitet und im Staatssekretariat des Heiligen Stuhls vorsondiert», schreibt er auf Anfrage. Knacknuss Bischofswahl Trotz aller Vorarbeit verschwand das Thema jedoch wieder in der Versenkung. «Offensichtlich war es so, dass die Prioritäten in diesen Jahren andere waren», sagt Müller. Bemerkenswert ist, dass selbst die Befürworter einer Neueinteilung im Prozess immer wieder auf die Bremse getreten sind. Nämlich dort, wo es um die Frage nach der Wahl der Bischöfe ging: In Basel, St. Gallen und Chur gibt es – wenn auch unterschiedliche – Formen der Mitbestimmung. Rom entscheidet die Frage nicht im Alleingang. Die Tendenz der letzten Jahrzehnte ging jedoch immer mehr dahin, dass der Vatikan alleine bestimmt, wer Bischof wird. Die Aussicht auf noch weniger Mitbestimmung hat einen massgeblichen Anteil daran, dass Angehörige der Kantonalkirche in der Frage der Gebietsreform Zurückhaltung üben. Ein Funke Hoffnung ruht auf Papst Franziskus: Er könnte die Rolle der Ortskirchen stärken wollen. Das hiesse: mehr regionale Mitbestimmung, auch in der Schweiz.

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