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Fair Trade Town: Zu teuer für Winterthur

Winterthur will nicht zur ersten «Fair Trade Town» werden. Die Absage erteilte der Stadtrat just einen Tag nachdem der Kam­pa­gnen-Startschuss mit Regierungs­beteiligung in der Villa Sträuli fiel.

Zu aufwendig, zu teuer, zum falschen Zeitpunkt und grundsätzlich unsinnig: Der Stadtrat will sich nicht um das kürzlich ins Leben gerufene Label «Fair Trade Town» bemühen. «Angesichts der aktuellen finanziellen Lage der Stadt Winterthur und den derzeit knappen personellen Ressourcen kann der Stadtrat es nicht verantworten, ein solches Engagement anzustreben», schreibt er in einer Antwort auf eine Interpellation. Der Zeitpunkt irritiert Bereits in 24 Ländern läuft die «Fair Trade Town»-Kampagne, am 17. Juni wurde in der Villa Sträuli auch die Schweizer Kampagne lanciert. Stadträtin Barbara Günthard-Maier (FDP) hielt dabei eine Rede. Die Stadt nehme ihre Verantwortung ernst, sagte sie, liess aber offen, ob Winterthur das Label anstrebe. Einen Tag später folgte die Absage. EVP-Gemeinderat Christian Ingold, der zusammen mit Marc Wäckerlin (Piraten) und Anita Hofer (Grüne) die Interpellation eingereicht hatte, zeigt für das Sparargument Verständnis, ist jedoch enttäuscht vom «fehlenden Mut» und kritisiert die Kommunikation des Stadtrates: «Das Timing der Publikation der negativen Antwort genau einen Tag nach dem Launch ist stossend.» Der für das Thema zuständige Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) verteidigt den Zeitpunkt: Die Interpellation sei im April eingegangen und am Mittwoch auf der Traktandenliste gestanden. «Dass dies nun einen Tag nach dem Anlass war, ist reiner Zufall.» Fritschi betont, dass die Stadt nichts gegen fairen Handel einzuwenden habe, «doch wir sind gerade daran, die Kosten zu senken. Da liegt es uns fern, wieder Geld für etwas Neues auszugeben.» Swiss Fair Trade, der Dachverband der Fair-Trade-Organisationen in der Schweiz, listet Kriterien für die Stadt auf: Die Politik müsste offiziell die Auszeichnung anstreben, eine Arbeitsgruppe das Engagement koordinieren, die Gastronomie Fair-Trade-Produkte verwenden, Unternehmen solche anbieten und die Öffentlichkeit sensibilisiert werden. 10 000 bis 20 000 Franken Sachkosten sowie langfristig circa 25 Stellenprozente würden dadurch anfallen, rechnet der Stadtrat. Eine «Luxusvariante» «Diese Einschätzung ist nicht realistisch», entgegnet Sonja Ribi, Geschäftsleiterin von Swiss Fair Trade. Der Stadtrat rechne mit einer Luxusvariante. «Alles, was Winterthur in einem ersten Schritt tun müsste, wäre, im Stadtrat einen offiziellen Beschluss zu fassen, die Auszeichnung anzustreben.» Die Geschäftsleiterin rechnet die weiteren Schritte vor: In der Verwaltung müssten mindestens drei Fair-Trade-Produkte verwendet werden, die Person aus der Stadtverwaltung etwa an drei Sitzungen pro Jahr in der Arbeitsgruppe teilnehmen. «Das war’s.» Die Stadt habe bei den Stellenprozenten zu hoch gerechnet, denn die lokale Projektgruppe habe die Übernahme der meisten Arbeiten zugesichert, sagt Gemeinderat Ingold. Und Ribi ergänzt: «Gerade in Winterthur, wo es bereits so viele interessierte Freiwillige für die Kam­pa­gne gebe, wäre der personelle Aufwand für die Stadt sehr gering.» «Nicht Aufgabe der Stadt» Die Ausgabenrechnung der Stadt beruht gemäss Stefan Fritschi auf einer groben Schätzung. «Wir wollten damit einfach auch sagen: Es ist nicht gratis für die Stadt.» Dass es laut Befürwortern billiger hätte kommen können, ist für ihn kein Argument: «Wieso können sie es dann nicht gleich selber machen?» Für Fritschi stellt sich auch die Frage nach dem grundsätzlichen Sinn: «Ich verstehe die Idee der Kam­pa­gne nicht. Es ist doch nicht Aufgabe der Stadt, ein Label zu lancieren und bekannt zu machen. Auch für andere sinnvolle Bio- oder Ener­gie­label kann und will die Stadt keine Aktionstage organisieren.» Ebenso wenig sei es Aufgabe der Stadt, private Anbieter zur Verwendung von Fair-Trade-Produkten zu animieren. «Wir wurden bereits am Launch-Event dar­auf aufmerksam gemacht, dass es im Stadtrat Bedenken gibt», sagt Sonja Ribi. Sie sei ein wenig enttäuscht, doch es werde bestimmt eine andere Stadt geben, die den Titel tragen möchte. Gemeinderätin Anita Hofer (Grüne) spricht von einer «riesengrossen, verpassten Chance». Es brauche bei diesem wichtigen Thema Vorreiter und Vorbilder. «Die Stadt hätte dies sein können, aber sie kuschte.» Nachhaltig ist man dennoch Dass Winterthur nun nicht die erste Fair-Trade-Stadt wird, bedeutet jedoch nicht, dass wenig in diesem Bereich getan wird: «Winterthur investiert viel in die Nachhaltigkeit», sagt Fritschi. Bereits 2012 hatte der Stadtrat für die Verwaltung eine Beschaffungsrichtlinie für soziale Nachhaltigkeit erlassen, «welche auch Private übernehmen könnten». Dass sich die Stadt nachhaltig engagiert, zeigt auch das «Solidar Gemeinderating», bei welchem Winterthur letztes Jahr mit vier von fünf möglichen «Globen» abschnitt. Ein Engagement, welchem auch Ingold im Alltag begegnet. «Gerade dar­um wären die Voraussetzungen in Winterthur ja schon fast ohne Zusatzaufwand vorhanden.» Silvan Gisler

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