Zum Hauptinhalt springen

Falsches Spiel mit der Liebe

Sein Valmont trinkt jetzt Mineral. John Malkovich inszeniert «Les liasions dangereuses». Die Tourneeproduktion des Théâtre de l’atelier aus Paris war am Dienstag in Winterthur zu sehen.

Er war der grosse Liebende. John Malkovich spielte 1988 in Stephen Frears’ Film «Dangereous Liaisons» den Vicomte de Valmont. Grossartig war diese Vorstellung. Denn im Gesicht trug der amerikanische Schauspieler die Seele der Geschichte: Es ist das Verhängnis der Leidenschaften.

Vom Stoff kommt John Malkovich nicht los. Fünfundzwanzig Jahre nach dem Film stellte er auf Einladung der Direktorin des Pariser Théâtre de l’atelier eine eigene Produktion von «Les liaisons dangereuses» auf die Beine. Grundlage war wieder Christopher Hamptons Bühnenfassung von Choderlos de Laclos’ Briefroman (1782), die version française ist von Fanette Barraya.

Premiere der Inszenierung war vor einem Jahr in Paris, manche Kritiken lesen sich freundlich. Nun ist die Produktion von Herblay über Basel bis Cannes und Luxemburg auf grosser Tournee. Am Dienstag haben «Les liaisons dangereuses» im Theater Winterthur Station gemacht, dies in der Reihe «Théâtre français».

Der Blick unter die Röcke

Eine bemerkenswerte Sache, auch wenn diese Vorstellung wirklich keine Sensation war. Denn erstens ist es immer wieder schön, wenn ein französischsprachiges Theater bei uns vorbeischaut. Zweitens ist Malkovich auch als Regisseur ein grosser Name, seine Inszenierung von «Hysteria» und «Good Canary» haben in Paris Aufsehen erregt. Schliesslich hat sich der Mann selber im Theater Winterthur verewigt – im letzten Mai war er hier in der Hauptrolle der Giacomo-Variationen zu sehen.

Jetzt lässt er andere unter die Röcke schauen. Das Verhängnis ist tiefer unten.

Viel Zeit hat Malkovich aufs Casting verwendet. Mehr als dreihundert Schauspielerinnen und Schauspieler, so heisst es, sprachen für die Rollen des Valmont, der Madame de Merteuil, der Emilie und Co. vor. Niemand von ihnen hat einen grossen Namen, auch nicht Malkovichs jetzige Favoriten. Wer kennt schon Yannik Landrein, der den Valmont spielt? Wer Julie Moulier, die Merteuil? Und auch das Publikum wird in Winterthur über Figur und Schauspieler nur marginal informiert. Immerhin: Ein Aushangzettel mit den Namen der Mitwirkenden hing beim Saaleingang. Und die Zusammenfassung der Handlung wurde an die Wand projiziert – schliesslich mögen sich nicht alle an den Film mit Malkovich erinnern.

Schuld und Unschuld

Hinschauen muss in diesem Theater genügen. Gerade die Arbeit an der Bühnenfigur, das Zuschauen, was die anderen aus ihrer Rolle machen, hat Malkovich als Anlage für seine Inszenierung der «Gefährlichen Liebschaften» verwendet. Wir sind Beobachter der Beobachter der Beobachter, was auch den Reiz der Vorlage ausmacht.

Das Spiel beginnt mit Aufwärmübungen. Valmont probt den Cary-Grant-Gang, Cécile liegt schon mal auf dem Bett, die andern tun so, als wüssten sie nicht, was kommt. Man weiss es natürlich. Valmont wird die unschuldige Cécile verführen, dies auf Wunsch der intriganten Madame de Merteuil. Und weil das einem Valmont noch zu wenig anspruchsvoll ist, hat er es auch auf die Tugend in Person abgesehen, die Madame de Tourvel heisst. Der versprochene Lohn für Valmont: eine Liebesnacht mit der Merteuil – schliesslich waren die beiden plus minus einmal ein Paar. Am Schluss sind aber alle von der Liebe recht beschädigt.

Da müssen alle durch, denn von der Einheitsbühne kommt niemand so richtig weg. Die Konstruktion ist vielleicht nicht die glücklichste. Denn meistens sitzen Rosemonde, Danzeny, Emilie und die anderen auf Stühlen im Kreis herum und warten auf ihren Auftritt im Bett mit Valmont und der Merteuil. Zur Belohnung bekommen sie Mineralwasser.

Im Netz zwischen den Zeiten

Die Welt ändert sich. Die menschliche Natur bleibt sich gleich. Dass sein Theater zwischen den Zeiten spielt, markiert Malkovich offensichtlich – und auch ein bisschen billig. Valmont kommt halb in Jeans, halb im Casanova-Look daher. Inkomplett sind die Reifröcke der Damen. Komplett nackt ist nur Emilie, eine Kurtisane, die Valmont in einer Szene mit dem Tablet zu Diensten ist.

Eigentlich müsste er ja ihren Rücken als Schreibunterlage benutzen, so hat es Malkovich einst im Film gezeigt. Im Theater diktiert aber sein Valmont den Text in den Computer, als hätte er Netzverbindung im 18. Jahrhundert. Manchmal blitzt er auch mit seinem Mobile unter den Rock der Madame de Volanges. Das Schlüpfrige gehört wohl zum Verführungsprogramm der Facebook-Generation.

Aber eigentlich genügte zum Verhängnis der Leidenschaften allein die Sprache. Und ein Gesicht.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch