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Farben sind Narben

Ralph Dutli, als ausgezeichneter Übersetzer bekannt, legt seinen ersten Roman vor. «Soutines letzte Fahrt» erzählt in irr­lichternden Bildern vom Sterben des grossen Malers Soutine.

Der in Weissrussland geborene Chaim Soutine (1893–1943) war zeitlebens ein von der Not gezeichneter Maler, geradezu ein Idealbild des armen Künstlers. Vor dem Ersten Weltkrieg war er nach Paris geflohen, um sich im Künstlerkreis des Montparnasse mehr schlecht als recht durchzuschlagen. Sein anfänglich stark beargwöhntes Werk erlebte Mitte der 1930er-Jahre einige Erfolge, was Soutine aber kaum beeindruckte. Immer wieder zerstörte er seine Bilder. Dieses Wüten war begleitet von permanenten Schmerzen, die von einem verschleppten Magengeschwür herrührten.

Ein letzter akuter Anfall führte im Sommer 1943 dazu, dass der auf dem Land versteckt lebende Soutine mit einem Leichenwagen heimlich nach Paris ins Spital gefahren wurde. Zu retten war er aber nicht mehr. Ralph Dutli (59) nimmt diese verwegene Fahrt durch die von den Nazis besetzte Zone zum Anlass für seinen Roman. Begleitet von der tapferen Freundin Marie-Berthe liegt Soutine im schwarzen ­Gefährt, sein Geist wabert in einer Morphiumwolke zwischen Wachen und Träumen. Episoden aus dem Leben ziehen vorüber, die schreckliche jüdische Kindheit im weissrussischen Dorf oder Freunde wie der lasterhafte Modigliani, der ihn mehrfach porträtierte.

Dutli formt die Reminiszenzen zu einem virtuosen Parlando. Überschäumend kombiniert er die Worte so wie Soutine die Farben auf der Leinwand. Die Umrisszeichnung verblasst und löst sich in einem Crescendo der Farbtöne bzw. der Sprachbilder und Traumszenen auf. Im Französischen reimt sich couleurs auf douleurs, eine zentrale Koinzidenz für den Schmerzensmaler Soutine. Dutli übersetzt das mit Farben und Narben. Tatsächlich zeichnen sich Soutines Bilder nicht nur durch ihre Farbigkeit aus, sondern auch durch ihre schmerzhaft vernarbten Formen.

Unter seinem Pinsel wurden Menschen und Dinge alt, knotig, krumm und verwundet. Das Schöne schien ihm nicht gegeben. Dieses Verdrehte und Ungehobelte findet bei Dutli inhaltliche wie stilistische Nachahmung. Sein Roman erzählt den historischen Kontext der Nazizeit und gibt Einblicke in Soutines schillernde Persönlichkeit, in der sich das Elend der Welt spiegelt.

Dutlis Textur oszilliert zwischen klarer Beschreibung und überschäumender Bildhaftigkeit. Sie formt prä­gnan­te Sätze, entwirft intensive Bilder und legt verquirlte Schlaufen. Diese Brillanz beinhaltet allerdings auch einen leichten Hang zur Überfülle. Im Sog der starken Bilder überzieht Dutli ab und an eine Episode, sodass sie an Prä­gnanz einbüsst. Doch beweist er mit dem Romandebüt, dass er über eine kraftvolle Sprache verfügt. «Soutines letzte Fahrt» ist ein beeindruckendes Prosawerk, dem das Wagnis der Sprache einbeschrieben ist. Dergestalt wird das Buch dem Werk des Prot­ago­nis­ten auch formal gerecht.

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