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Farbtupfer im Liebesleben

Alles hat seinen Preis. Oder wie es einst der amerikanische Präsident Abraham Lincoln ausdrückte: «There is never a free lunch», also, nichts ist umsonst. Auch beim Lieben hängt irgendwo versteckt ein Preisschild dran. Heisst das Objekt der Begierde Schokoladenkuchen, sind die paar Pfunde auf der Taille ein bescheidener Kostenfaktor. Bei der vorbehaltlosen Liebe wie beispielsweise zu Kindern oder Katzen kann der Preis emotional, ener­gie­- oder frankenmässig beträchtlich sein. Wenn ich an die Pubertät zurückdenke, als die Töchter einem offenkundig zu verstehen gaben, das Allerletzte, Peinlichste auf der Welt zu sein, war die Herzweh-Rechnung kurzzeitig hoch. Ebenfalls auf eine harte Probe gestellt wurde meine Zuneigung, als die Kätzchen die neuen Vorhänge auf ihre Reissfestigkeit testeten, am Sofa genüsslich ihre Krallen wetzten und den Lachs fürs Gästemenü aus der Verpackung zerrten. Doch man lernt sich nächstes Mal geschickter zu verhalten und ist versöhnlich, vergisst, was geärgert, verletzt oder wütend gemacht hat, und liebt tapfer weiter.

Blöder ist es bei Vorlieben, für die man den Preis von vornherein haargenau kennt und weiss, dass man diese Rechnung eigentlich nicht begleichen möchte. So geht es mir mit den Granatäpfeln. Ich bin süchtig nach diesen vitaminreichen kleinen Kernen, weil sie jedem Salat, eigentlich fast jedem Gericht, vielleicht Fondue ausgeschlossen, einen frischen Pfiff geben. Doch wie hab ich schon teuer bezahlt für meine Liebe und geschimpft über die Dinger. Wie ich es auch anstelle, meine Granatapfelliebe fordert ihren Preis. Brav befolge ich zwar alle Ratschläge, wie ich die Kerne aus der Schale presse, ohne die Küche und mich selbst mit roten Punkten zu verzieren, leider komme ich nie ohne ein paar freche Spritzer weg.

Jedes Mal nehme ich mir vor, in ein schwarzes Tenü zu wechseln, bevor ich die Fruchtschale im Abwaschbecken umstülpe und die Kerne in ein Gefäss drücke. Trotzdem hat es immer irgendwo rote Punkte, auf dem Gewürzregal, auf meiner Brille, an der Wand und ich bin versucht, den Früchtchen meine Liebe endgültig zu kündigen. Eigentlich könnte ich gut durchs Leben gehen ohne Granatapfelkerne, theoretisch auch ohne Katzen. Offensichtlich zwingt mich eine eigenartige Vorliebe zu Kompromissen, die mich selbst überraschen. Die Spuren solch bedingungsloser Liebe zeigen sich nicht nur in Form von zerfetzten Vorhängen, sondern peinlicherweise Stunden später an einer Veranstaltung als rote Tupfen auf dem Ohr und am Blusenärmel. Elisabeth Moser

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