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Feierabend für Juno – Die Schwedinnen kommen

unter dem strich

Zur Konkursmasse des Jahres 2013 gehört folgende Geschichte. Sie wiegt nicht schwer, aber sie hat wohl Wachstumspo­ten­zial. In Schweden wurde ein Gemälde des Barockmalers Georg Engelhard Schröder (1684–1750) aus dem Speisesaal des Parlaments entfernt, wie die «NZZ» am 28. Dezember meldete. Es zeigt eine Frauenfigur mit nackten oder, um genau zu sein, nur wenig verschleierten Brüsten und stellt die römische Göttin Juno dar. Zur Begründung hiess es offiziell, Gemälde würden von Zeit zu Zeit ausgewechselt, Juno prange seit 1983 an der Wand des repräsentativen Raums, in welchem Staatsgäste bewirtet werden.

Mit dieser Funktion hat die eigentliche Begründung für die Entfernung des Bildes zu tun. Man müsse an die ausländischen Gäste, vor allem diejenigen aus muslimischen Ländern, denken, wurde eine Aussage aus Parlamentskreisen kolportiert. Die Reaktion kann man sich denken: Ein Wasserfall auf die Mühle der Islamgegner und Leitkultur-Propagandisten.

Die Parlamentssprecherin Susan Eberstein, Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten, korrigierte und gab eine andere Erklärung: «Es geht eher um eine feministische Angelegenheit: Es ist lästig, eine barbusige Frau im Blick zu haben, wenn ich an einem offiziellen Dinner mit ausländischen Gästen sitze. Es ist schwierig, da mit Männern zu sitzen, die uns als Frauen sehen.» – Auf diese Geometrie der Blicke muss man sich zuerst mal einen Reim machen. Aber heraus kommt etwas Einfaches. «Die Schwedinnen kommen» war einst die «heisse» Losung der Erotikbranche. Die neuen Schwedinnen bringen die Kälte mit: Die Freier ziehen sich auch weiter südlich schon mal warm an.

Hübsch an der Geschichte ist die Konfusion muslimischer und feministischer Empfindlichkeiten. In der Einschätzung des männlichen Blicks und im Gebot, diesem die Frau zu entziehen, treffen sie sich. Allerdings mit Nuancen. Um die Vereinnahmung der Frau durch das begierige Auge des Mannes geht es in beiden Fällen. Aber während der patriarchale Mann mit der Verhüllung der Frau zwar seinen Besitz vor der Zudringlichkeit anderer geschützt haben will, aber seine Lüsternheit natürlich nicht in Frage stellt, arbeitet die feministische Strategie radikaler an einer Operation des Auges.

Der Anflug von Bilderstürmerei am schwedischen Horizont ist dafür ein sprechendes Zeichen. Ein wenig glaubt man auch schon, im weiteren europäischen Kulturraum die Sockel wackeln zu sehen, auf denen in Parks und auf Stadtplätzen die in Bronze gegossenen oder in Stein gemeisselten weiblichen Figuren triumphieren – bislang ohne im Verdacht zu stehen, einer sexistischen Anmachkultur zu dienen.

Im Fall Juno liegt die Pointe ja auch darin, dass diese römische Göttin in der Mythologie die Schutzpatronin für Geburt, Ehe und Fürsorge ist, und – verheiratet mit Gottvater Jupiter – das Kreuz einer recht unbeständigen Zweisamkeit zu tragen hat. Diese Mythologie nur als Verbrämung des Akts zu verstehen, greift zu kurz. Es geht in der Kunst, die den Namen verdient, gerade auch um die Sublimierung, Humanisierung oder auch um die Reflexion eben jenes Blicks, der die schwedische Politikerin nach der Burka für Kunstwerke greifen lässt.

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