Zum Hauptinhalt springen

Fertig mit Bierpulver und Bartwichse

Das Schockierendste am Kostümgeschäft Tansini sind weder die Blutkapseln noch die Furzkissen: Es sind die kahlen Wände. Das kleine Lädeli am Bellevue kennen viele nur als farbenfrohes Durcheinander aus Perücken, Federboas und Pailletten. Damit ist nun nach 54 Jahren Schluss. Inhaberin Clairmonde Tansini geht in Pension – die Total-Liquidation hat begonnen. «Seit bekannt ist, dass wir Ende September schliessen, kommen pro Tag bis zu 15 Leute vorbei, die sich verabschieden möchten», sagt die 64-Jährige, die in der blau gemusterten Schürze auch gut in eine Bäckerei passen würde. Auf die Frage, ob ihr der Schlussstrich schwerfalle, antwortet sie nach kurzem Überlegen: «Nein.» Sie habe sich diesen Schritt schon länger überlegt und nach 44 Jahren im Laden den Ruhestand verdient. Doch wenn sie anfängt, von den vielen Abschiedsbesuchen zu erzählen, wird klar, dass Tansini mit mehr abschliesst als mit nur einem Geschäft. So kam beispielsweise ein 30-jähriger Kunde ein letztes Mal vorbei, um zu sagen: «Sie wissen gar nicht, wie glücklich Sie uns als Kinder gemacht haben.» Wie gerührt sie ist, merkt man der ener­gie­­geladenen Frau an, als sie nach diesem Satz ausnahmsweise nicht laut auflacht. Nach Zürich gekommen ist die gebürtige Welsche mit 18 Jahren, um Deutsch zu lernen. Aus dem einen, geplanten Jahr sind 44 geworden, nachdem sie sich in ihren Wohnungsvermieter und zukünftigen Mann verliebt hatte. Dieser führte das Geschäft Tansini schon seit 1934, zuerst in Urdorf, dann ab 1959 am Bellevue. In Zürich fing der gelernte Coiffeur an, zusätzlich zu Haarschnitten und Rasuren Kostüme und Theaterschminke anzubieten. Mit Theaterschaffenden und Fasnächtlern fand er dankbare Abnehmer. Tansini, die in La Neuveville Verkäuferin gelernt hatte, stieg bald mit ins Geschäft ein. «Vor 25 Jahren mussten wir uns dann entscheiden: Coiffeur- oder Kostümgeschäft?», erzählt sie. Beides zusammen hatte keinen Platz mehr in dem 20 Quadratmeter kleinen Laden. Ihr Mann riet ihr, auf die Kostüme zu setzen – er sollte auch nach seinem Tod recht behalten. Dass das Geschäft an der hochpreisigen Lage so lange überlebt hat, ist aber nicht nur dem Glück zu verdanken. Das für ungeschulte Augen bunte Durch- einander, war stets ein gut durchdachtes buntes Durcheinander. Tansini verwendete viel Zeit auf Messebesuche und Ausstellungen. Dafür reiste sie nach Paris, Wien oder nach Italien. Sie bewies dabei eine gute Nase für Trends auf dem Kostüm-, Schmink- oder auch Scherzartikelmarkt. «Oft lautete unser Motto: Wagen wirs!», sagt sie und man glaubt es ihr. So waren die Tansinis die Ersten, die im Zürich der 80er schwarzen Lippenstift und neonfarbenen Nagellack anboten. Inter-essierten sich erst nur das Theater und die Punks für solche «Skurrilitäten», so sind die Produkte heute aus dem Mainstream nicht mehr wegzudenken. Dasselbe Motto galt beim Aussuchen der Mitarbeiterinnen. Auf die Frage, was man können muss in so einem Geschäft, antwortet sie: «Gar nichts. Ich wollte sympathische und freundliche Mitarbeiter, alles andere kann man lernen.» Sie habe die Bewerber jeweils einem Hilfsbereitschaftstest unterzogen, erzählt sie. Beim Vorstellungsgespräch habe sie absichtlich etwas fallen gelassen und dann gewartet, ob ihr die jeweilige Person zu Hilfe kommt. Sie muss lachen über ihre unkonventionelle Methode, aber der Test hat sich bewährt. Sie habe immer viel Spass gehabt mit ihren Mitarbeiterinnen, meint Tansini. Der letzten von ihnen, Semia Hefti, fällt die Trennung von der Chefin schwer: «Auch wenn die Kunden an Halloween über die Strasse bis zum nächsten Laden angestanden sind, war sie trotzdem bis zum Ladenschluss gleich schwungvoll und fröhlich wie immer am Werk. Ich werde es vermissen.» Der 32-Jährigen merkt man die Wehmut deutlich an, 14 Jahre lang ar­bei­te­te sie im Tansini. Obwohl die Arbeit im Laden viel Zeit in Anspruch nahm, hat Tansini ihre Hobbys nie vernachlässigt. Einen Tag ohne Sport gibt es bei der 64-Jährigen nicht. «Dann bin ich halt am Abend erst um zehn Uhr zu Hause», sagt sie mit einem Schulterzucken. Tennis, Schwimmen, Tai-Chi und morgens um viertel vor sechs Joggen im Wald – der Ausgleich muss drinliegen. Aber nach dem letzten Tag im Geschäft wolle sie zehn Tage lang absolut gar nichts machen. Später will sie Spanisch lernen und mit ihrem Freund, der Chilene ist, Spanien und Portugal bereisen. Langeweile ist in Clairmonde Tansinis Welt inexistent – ganz im Gegenteil zu Zürich, dessen Welt ohne das kunterbunte Tansini ein Stück grauer scheinen wird.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch