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Findlinge, Schlitzohren und Heilige

In «Faith Connections» taucht Pan Nalin («Samsara») tief ins quirlige Treiben der Kumbh Mela, des wohl grössten religiösen Festes der Welt, ein.

Die Kumbh Mela ist das grösste Fest des Hinduismus, zu vermuten gar das grösste religiöse Fest der ganzen Welt. Sie findet alle drei Jahre im Turnus an vier verschiedenen Orten statt; jedes zwölfte Jahr, «Purna Kumbh Mela» genannt und noch grösser als sonst, in Allahabad, wo Ganges und Yamuna zusammenfliessen und unterirdisch der mythische Fluss Sarasvati entspringt. Die Kumbh Mela ist ein Pilgerfest. Sie dauert 55 Tage, lässt sich zurückverfolgen bis in 7. Jahrhundert v. Chr. Zugrunde liegt ihr eine Legende um einen Streit zwischen Göttern und Dämonen. Das wichtigste Ritual ist das Bad im Heiligen Wasser. Nicht Tausende, sondern Millionen nehmen daran teil: Gläubige und Heilige, Yogis, Asketen, Gurus, Sadhus, Svamis, Darshans, Philosophen, zudem zahllose Schaulustige. Achtzig bis hundert Millionen Menschen sollen es 2013 gewesen sein. Megalo-gigantesk ist das, schlicht nicht vorstellbar, organisatorisch-logistisch garantiert ein Albtraum. Und weil Indien ja doch auch im 3. Jahrtausend n. Chr. angelangt ist, ist die Kumbh Mela immer mehr auch ein Medienereignis. Es sind demzufolge nicht nur im Internet, sondern jüngst auch in diversen Filmen – etwa in Gaël Métroz’ «Sadhu», aktuell in «Edward Burtynsky’s Watermark» – Bilder der Kumbh Mela anzutreffen. Mitten im Treiben Selten allerdings ist bisher ein Filmemacher derart tief ins quirlige Treiben dieses Festes eingetaucht wie der Inder Pan Nalin in «Faith Connections». Eine Flasche Heiligen Wassers sowie einige Geschichten, nimmt er sich am Anfang seines Filmes vor, will er dem Vater nach Hause bringen. Dann mischt er sich, die Kamera im Anschlag, unter die Pilger. Er fängt vorerst einzelne Impressionen ein. Staubiger Boden. Füsse. Säume von bunten Kleidern. Menschen. Massen. Massen, die marschieren. Man geht, ruht sich aus, wandert weiter. Richtet sich für einige Tage ein: unter Bäumen, in Zelten, Camps. Irgendwo ist immer der Fluss, irgendwo immer Musik. Man raucht, trinkt Tee, redet, schweigt. Herausgegriffen In Reihen warten Menschen geduldig auf die Essensausgabe, in riesigen Töpfen wird gekocht. Nalin, stets mittendrin, rückt einzelne Personen ins Bild: ein Mädchen, blau geschminkt, einen Mann mit Turban, einen mit langem Bart, ein anderer hat einen riesigen Schnauz. Alte Frauen mit verrunzelten Gesichtern, Mädchen und junge Frauen in bunten Saris. Peu à peu werden einzelne Figuren zu Protagonisten: die endlos disputierenden Sadhus Vivekanandji und Umeshji. Mamta Devi und Sonu, die ihr dreijähriges Söhnchen aus den Augen verloren haben und es tagelang suchen, die Helfer vom «Lost & Found Camp», eine Gruppe von Polizisten. Vor allem aber: der zehnjährige Junge mit dem alten Gesicht, Kishan Tiwari, der sich smart als Waise ausgibt, Polizisten, Händlern, Heiligen eine haarsträubende Lügengeschichte auftischt – und dann eben doch bloss ein davongelaufener Bub ist, der nach Tagen vom Vater nach Hause geholt wird. Berührende Geschichten Nicht zuletzt begegnet man in «Faith Connections» Hatha Yogi Baba, der beim Meditieren die verrücktesten Verrenkungen macht, verehrt und bewundert wird, vor drei Jahren vor seiner Hütte aber ein ausgesetztes Baby fand und nach einigen Kämpfen mit den Behörden für den Knirps nun – durchaus weltlich Sorge wälzend – den Vater gibt. Es sind im wahrsten Sinn des Wortes «ver-rückte», sehr menschliche und berührende Geschichten, die Pan Nalin in «Faith Connections» erzählt. Und auch wenn Nalin die Kumbh Mela als solche zunehmend aus den Augen verliert, man anstelle der vielen Impressionen gerne einiges mehr an Übersicht bringender Information gehabt hätte und es bedauert, dass zwischen den vielen Männern nicht auch eine Frau zu Wort kommt: «Faith Connections» ist ein faszinierender Film, der, nebst allem, was er sonst erzählt, eindrücklich vermittelt, was die indische Lebensweisheit ausmacht: eine wohltuende Gelassenheit. Irene Genhart «Faith Connections» läuft heute im Arthouse Le Paris an: Um 12.15 Uhr findet ein Lunchkino-Special mit Regisseur Pan Nalin statt.

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