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Flüchtlinge besetzen Asylwohnungen

Für Fachleute ist klar: Das Beste wäre es, Asylbewerber in normalen Wohnungen unterzubringen. Solche werden aber rar, weil ausgerechnet ehemalige Asylbewerber sie besetzt halten.

Es ist hinlänglich bekannt, was passiert, wenn man entwurzelte junge Männer auf engem Raum zusammenpfercht. Die südafrikanischen Townships, die auf diesem Konstruktionsfehler beruhen, sind mit ihren hohen Verbrechensraten ein sprechendes Beispiel. Als eine SVP-Parlamentarierin kürzlich vorschlug, alle Asylbewerber im Kanton auf sechs grosse Zentren zu konzentrieren, war das Echo daher deutlich: So züchte man Kriminalität geradezu heran, fanden so unterschiedliche Politiker wie SP-Regierungsrat Mario Fehr und SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti in seltener Einmütigkeit. Die Betreuungsorganisationen AOZ und ORS, die täglich mit Asylbewerbern zu tun haben, setzen auf das genaue Gegenteil von zentralen Massenunterkünften. Das Beste sei es, wenn die Gemeinden die Leute in normalen Wohnungen unterbrächten, sagt AOZ-Direktor Thomas Kunz. «Je normaler sie sich hier einleben, desto einfacher verläuft ihre Integration.» Kaum Chancen auf dem Markt Die Sache hat aber einen Haken, wie aus diversen Zürcher Gemeinden zu hören ist: Sobald aus Asylbewerbern anerkannte Flüchtlinge werden, müssten diese ihre Wohnungen im Prinzip verlassen – und genau das tun viele nicht. Platz machen müssten sie, weil sie ab diesem Moment nicht mehr zum Kontingent zählen, das jede Gemeinde erfüllen muss. Es rücken also neue Asylbewerber nach, die ihrerseits Wohnraum brauchen. Der Grund, war­um die anerkannten Flüchtlinge ihre Wohnungen nicht hergeben: Sie haben oft noch keine Arbeit, können kaum Deutsch, hängen von Sozialhilfe ab – und haben entsprechend kaum Chancen, etwas anderes zu finden. «Das ist ein Riesenproblem», sagt Kunz, «und zwar vor allem dort, wo es an günstigem Wohnraum fehlt.» In der Stadt Zürich habe man in den letzten Jahren mehrere Hundert neue Plätze geschaffen; Dutzende seien inzwischen von anerkannten Flüchtlingen belegt. Die Konsequenz für die Gemeinden: Sie benötigen immer wieder neuen Wohnraum für Asylbewerber – und das in einem Kanton, in dem die Leerwohnungsziffer trotz Bauboom weitersinkt, wie gestern publik wurde. In ihrer Verlegenheit greifen die lokalen Behörden zu Mitteln, die eine ohnehin schon erregte Asyldebatte weiter anheizen. Die Gemeinde Pfäffikon etwa geriet letztes Jahr in die Kritik, weil sie normalen Mietern gekündigt hatte, um Platz für Asylbewerber zu schaffen. Ein Entscheid, den man rückblickend «eher nicht mehr treffen würde», wie Gemeindeschreiber Hans­peter Thoma sagt. Auch wer Asylbewerber in Hotelzimmern einquartiert, sorgt zuverlässig für Schlagzeilen. Das seien aber immer nur absolute Notlösungen, heisst es bei AOZ und ORS. Was bleibt, ist der Versuch, anerkannte Flüchtlinge dazu zu bewegen, ihre Wohnungen zu verlassen. Manche Gemeinden versuchen zwar, Druck auszuüben, sie haben dabei aber kaum einen Hebel: Auf die Strasse stellen können sie die Leute nicht – sie würden sonst einfach dem Sozialamt zur Last fallen. Laut Thomas Kunz beschränken sich die Möglichkeiten darauf, die Flüchtlinge bei der Suche nach einem neuen Zuhause gut zu beraten. «Aber deshalb gibt es nicht eine einzige günstige Wohnung mehr.» Erschwerend hinzu kommt: Selbst wenn der Wohnungsmarkt in einer Gemeinde ausgetrocknet ist, darf diese einen Hilfebedürftigen nicht dazu bewegen, sich anderswo umzusehen. Das Sozialhilfegesetz verbietet dies strikt. Dennoch heisst es bei den Gemeinden lediglich, die Praxis sei «verpönt» – und Einzelne haben dem Vernehmen nach schon die Erfahrung gemacht, dass ihnen Flüchtlinge zugeschanzt wurden. Das dürfte auch daran liegen, dass das Gesetz ein Schlupfloch offen lässt: Wenn etwa die AOZ einen Flüchtling, der in der Stadt Zürich eine Wohnung besetzt, an eine grosse Liegenschaftenverwaltung verweist, verbietet sie ihm nicht explizit, sich über diese auch ein Wohnangebot im Tösstal anzusehen. Happy End an der Goldküste Bei allen ungelösten Problemen ist die Lage nicht ausweglos. Die Goldküstengemeinde Küsnacht etwa hatte laut Gemeindeschreiber Peter Wettstein jahrelang mit einer Flüchtlingsfamilie zu tun, die in einer Wohnung lebte, welche die Gemeinde eigentlich für Asylbewerber benötigte. Alle Gespräche halfen nicht weiter, und weil die Kinder im Ort zur Schule gingen, hatte die Familie keinen Anlass wegzuziehen. Inzwischen jedoch lebt sie in einer eigenen Wohnung, die sie mit etwas Unterstützung gefunden hat – und das sogar in Küsnacht.

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