Zum Hauptinhalt springen

Folgenreiche Schäferstündchen auf der Winterthurer «Alp»

Das Geständnis einer Prostituierten versetzte Winterthur im 17. Jahrhundert in Aufruhr. Auf der «Alp» am Lindberg soll Barbara Graf ihre Kundschaft empfangen haben, dar­un­ter manchen Angehörigen von Ratsherren. Sie wurde dafür hingerichtet.

Spätestens wenn die tief stehende Sonne den Goldenberg in ein warmes Licht taucht, wird das «Bäumli» zu einem beliebten Treffpunkt für Verliebte in Winterthur. Dass unweit der Aussichtsterrasse manch angesehener Winterthurer Bürger im 17. Jahrhundert für körperliche Liebe bezahlte, dürfte den wenigsten bekannt sein. Das Treiben auf der «Alp», wie das Rebgut mit Scheune am Lindberghang genannt wurde, flog im Juni 1669 auf, als eine gewisse Barbara Graf unehelich einen Knaben zur Welt brachte. Die uneheliche Kindsgeburt stellte damals ein Verbrechen dar, das besonders streng geahndet wurde, wenn die Schwangerschaft auf Prostitution zurückgeführt werden konnte. Bezahlte Liebe war lange Zeit in einem Bordell am Graben unter städtischer Aufsicht toleriert worden. Mit der Reformation hielten im 16. Jahrhundert aber strenge Sitten- und Moralvorstellungen Einzug; die Prostitution wurde verboten. Geständnis unter Streckfolter Barbara Graf wurde inhaftiert und verhört. Zur Verurteilung einer Angeklagten wurden damals nicht Indizien oder kriminaltechnische Beweise aufgeführt, letztlich war allein das Geständnis ausschlaggebend. Ein solches versuchten die Behörden mit Folter zu erlangen. Der Scharfrichter spannte die Angeschuldigte unter Streckfolter und rang ihr prompt ein umfassendes Geständnis ab. Nicht weniger als 42 Männer sollen die Dienste der Dame auf der «Alp» und in ihrem Elternhaus an der Metzggasse in Anspruch genommen haben. Etliche von Grafs Kunden waren angesehene Winterthurer Bürger. In der Kleinstadt geriet manches aus den Fugen: Untersuchende Ratsherren mussten wegen verwandtschaft­licher Beziehungen zu Angeschuldigten in den Ausstand treten, verschiedene mutmassliche Freier türmten über Nacht aus der Stadt. Die Dirne wird zur Hexe Dass bei Graf mit der Streckfolter eine der härtesten Foltermethoden überhaupt angewandt wurde, dürfte auch mit der politischen Dimension des Falles zusammengehängt haben, dieser weitete sich nämlich über die Stadtgrenzen aus. Die «Alp» lag auf kyburgischem Gebiet. Graf war nach einem Fluchtversuch auf kyburgischem Gebiet verhaftet worden und hatte in den ersten Verhören Zürcher Bürger belastet. Zürich wie auch der Landvogt zur Kyburg machten ihre Ansprüche auf die Delinquentin geltend. Winterthur geriet unter Druck, es galt das städtische Privileg der Blutgerichtsbarkeit zu verteidigen. Eine Delegation von Winterthurer Ratsherren ritt gar nach Zürich, um die Angelegenheit zu klären. Winterthur tat alles, um die Zürcher Obrigkeit zu beruhigen. Aufgezogen am Seil, gab Graf in der Folge Dinge zu Protokoll, welche die Folter als Verhörmethode mehr als nur in Frage stellen. Erschienen ihre vorherigen Ausführungen noch einigermassen glaubhaft als die Geschichte einer beliebten Prostituierten mit einem grossen Kundenkreis im Winterthurer Bürgertum, legte sie jetzt ein eigentliches Hexengeständnis ab. Sie habe mit einem Hund Unzucht getrieben, sei auf einer Heugabel ausgeritten und habe ihre Tante sowie mehrere Kühe vergiftet, erklärte Graf. Geköpft und verbrannt Am 4. August 1669 läutete die Glocke der Stadtkirche, und der Stadtschreiber verkündete vor der Bevölkerung das Todesurteil gegen Graf. Das Sündenregister umfasste «Blutschanden, Ehebrüche, Hurereien, Unzuchten, Abtreibungen, bestialische Gräuel» und weitere Delikte, «welche man vor der lieben Jugend und christlichen keuschen Ohren nicht vermelden» wolle. Graf wurde umgehend zur Hinrichtungsstätte geführt, die an der heutigen Abzweigung der Geiselweidstrasse von der Römerstrasse lag. Scharfrichter Hans Rudolf Volmar schlug der begehrtesten Dirne Winterthurs den Kopf ab. Anschliessend wurden die sterblichen Überreste der Prostituierten verbrannt. Grafs Kunden wurden übrigens, sofern sie nicht geflohen waren, mit Geldstrafen belegt oder für wenige Tage ins Gefängnis gesteckt. Markus Gafner Der Fall Barbara Graf ist einer von zahlreichen Kriminalfällen, welche der Verein «Kehrseite Winterthur» in seiner Führung «Räuber und Gendarme» aufgreift. Auf dem zweistündigen Rundgang in Winterthur werden 400 Jahre Verbrechen und Verbrechensbekämpfung behandelt. Die Route führt zu Tatorten, Gefängnissen, Gerichten und geht stets auch den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründen der Verbrechen auf die Spur. Infos: www.kehrseite-winterthur.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch