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«Französisch spreche ich bei der Arbeit nur selten»

Paris lasse ihm viele Freiheiten, sagt Axa-­Winterthur-Chef Antimo Perretta: «Es gibt ein normales Reporting, das ist alles.» Seit seinem Antritt ging das Geschäftsvolumen der Versicherung stark zurück. Das sei Teil der Strategie.

Herr Perretta, Sie stehen seit Anfang Jahr an der Spitze der mitarbeiterstärksten Firma der Stadt. Wie ist es, so viele An­gestellte zu führen? Es ist ein gutes Gefühl. Natürlich bedeutet das eine grosse Verantwortung. Ich kann aber trotz dieser Verant­wortung gut schlafen. Ich fühle mich wohl, und ich habe viel Freude an meiner Arbeit. Was ist spannend am Chef­posten, was ist langweilig? Spannend ist, dass ich fast jede halbe Stunde ein neues Thema auf dem Tisch habe. Ich habe mit sehr vielen Dingen zu tun, zum Beispiel mit Anlage-, Risiko- und Strategie­themen. Weniger anregend sind die vielen Unterlagen, die ich dazu lesen muss. Das sind keine unterhaltsamen Romane, sondern umfangreiche Power­point-Präsentationen. Sind diese Powerpoint-Präsentationen alle auf Französisch? Nein, die meisten sind auf Englisch. Ich spreche bei der Arbeit fast mehr Englisch als Deutsch, Französisch nur selten. Ruft Paris nicht jeden Tag an? Nein. Es gibt eine Sitzung pro Monat mit Vertretern der Markt­gebiete und aus Paris. Ansonsten arbeiten wir für uns. Wir machen ein normales Reporting nach ­Paris, das ist alles. Aber Sie sprechen mittlerweile sicher perfekt Französisch. Perfekt nicht – sagt meine Frau. Sie stammt aus dem Welschland, dar­um konnte ich schon vor dem Antritt recht gut Fran­zösisch. Axa gilt als Arbeitgeber, der viel für die Mitarbeiter tut – Stichworte: Work-Life-Balance und Krippen. Hat auch der Chef einen Nutzen von den An­geboten? Bei den Krippen leider nicht, unser Sohn ist schon 21. Ich finde, es gehört sich für eine grosse Firma, dass sie etwas tut, um die Angestellten bei ihrer Lebens­gestaltung zu unterstützen. Apropos Work-Life-Balance: Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche? Puh, ich zähle die Stunden nicht. Ich habe ein Band am Arm, das zählt, wie viele Schritte ich mache und wie viele Stunden ich schlafe. Die Arbeitsstunden zählt es nicht. Sind es acht Schlafstunden? Nein, es sind weniger. Womit haben Sie sich bisher vor allem beschäftigt? Neben dem Tagesgeschäft habe ich mich vor allem unserer neuen Vision gewidmet. Sie lautet: «Frei­räume für die Kunden schaffen». Das bedingt, dass wir die Produkte zum Teil einfacher machen und dass wir die Prozesse dem Kundenverhalten anpassen. Wozu eine neue Vision? Es lief doch immer alles ganz gut. Es gibt Herausforderungen in unserem Geschäft, etwa die anhaltend tiefen Zinsen und die digi­tale Entwicklung. Dar­auf muss man sich einstellen. Sie ziehen gegen Jahresende in den Superblock. Wissen Sie schon, wo Ihr Büro sein wird? Nein, ich ziehe nicht um, ich bleibe an der General-Guisan-Strasse. Für mich ändert sich also nichts, aber für viele andere Mitarbeitende, zum Beispiel aus dem Roten Turm beim Bahnhof. Am Superblock ist der Schriftzug «Axa» aufgepinselt, nicht «Axa-Winterthur»? Verschwindet «Winterthur» per 1.1.2015? Diese Frage haben Sie mir schon einmal gestellt (lacht). Wir bleiben bei «Axa-Winterthur», solange diese Marke bekannter ist als «Axa» allein. Wenn wir aber ein Gebäude neu in Betrieb nehmen, schreiben wir es nur mit «Axa» an. Sie führen Axa-Winterthur seit einem halben Jahr. In dieser Zeit resultierte ein grosser Prämienverlust im Leben-Geschäft. Da ist Paris wohl nicht zufrieden mit dem neuen Chef in Winterthur. Das Gegenteil ist der Fall. Der Rückgang ergibt sich aus unserer Strategie: Wir wollen bei den grossen Pensionskassenkunden, die genügend risikofähig sind, das teilautonome Modell forcieren und nicht mehr das Vollversicherungsmodell. Beim teilautonomen Modell trägt die Versicherung nicht das gesamte Risiko, sondern es bleibt ganz oder zum Teil bei der versicherten Firma. Die Sparprämien und Vermögen der Kunden werden dabei nicht als Prämieneinnahmen bei der Axa verbucht und tauchen deshalb nicht in unserer Bilanz auf. Sie sagen also: Wir wollten einen Geschäftsrückgang? Man kann nicht von einem Geschäftsrückgang sprechen. Wir haben keine Kunden verloren, sondern wir setzen in diesem Bereich eine neue Strategie um. In der Schadenversicherung gingen die Kosten zurück. Nun wird Ihnen aber vermutlich das Hochwasser die Bilanz vermasseln. Das wissen wir noch nicht. Da wir in der ganzen Schweiz präsent sind, sind wir vielerorts von den Überschwemmungen betroffen. Aktuell schätzen wir die Schäden auf rund fünf Millionen Franken. Alles in allem haben Sie weniger Prämien eingenommen, aber die Gewinne klar erhöht. Wie geht das? Wir hatten geringere Schäden als im letzten Jahr. Damals gab es vor allem viele Hagel­schäden. Die guten Gewinne hängen aber auch mit dem Portfoliomanagement zusammen. Wir haben Wertschriften verkauft, nachdem zuletzt viele Aktien an der Börse eine gute Performance erzielten. Tiefere Einnahmen – heisst das weniger Mitarbeiter? Haben Sie Stellen abgebaut? Nein, der Personalbestand ist stabil geblieben, bei etwa 2600 Vollzeitstellen in der Stadt. Der Prämienrückgang ist wie gesagt ein buchhalterischer. Die Arbeit liegt weiter bei uns, dar­um brauchen wir weiterhin gleich viele Leute. Interview: Christian Gurtner

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