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Freispruch sorgt für Unruhe

Sanford. Der Freispruch im Prozess gegen George Zimmerman spaltet Amerika. Er hatte einen unbewaffneten jungen Schwarzen getötet. Die Geschworenen entschieden, es sei Notwehr. Wunden entlang der Rassen- und Klassengrenze reissen wieder auf.

Tracy Martin und Sybrina Fulton verpassten nicht eine Minute in dem drei Wochen langen Verfahren um den gewaltsamen Tod ihres Sohns Trayvon. Als die Jury nach nur sechzehn Stunden Beratungen am Samstagabend um Punkt 21.57 Uhr ihr Verdikt überreichte, fehlten die Eltern des 17-jährigen Schwarzen. Sie ahnten wohl, was sie im fensterlosen Raum im fünften Stock des Gerichtsgebäudes von Sanford erwartet hätte: ein Freispruch des Nachbarschaftswächters, der ihren Jungen am 26. Februar 2012 erschossen hatte. Auf dem Heimweg mit einer Tüte Süssigkeiten und einer Dose Eistee.

Im Gerichtssaal 5D wartete George Zimmerman mit derselben ausdruckslosen Miene auf das Urteil, die Millionen Fernsehzuschauer aus dem live übertragenen Prozess kannten. Ein Gerichtsspektakel, das die Nation so sehr in seinen Bann gezogen hat wie einst der Mordprozess gegen den Footballstar O. J. Simpson. Diesmal mit umgekehrten Rollen: Auf der Anklagebank musste sich ein «weisser Latino» für den Tod eines Schwarzen verantworten.

Demonstrationen gegen Urteil

Nicht schuldig in allen Anklagepunkten bestätigte die Frauenjury aus fünf Weissen und einer Latina, bevor sich Richterin Debara Nelson an Zimmerman wandte und sagte: «Sie haben nichts weiter mit dem Gericht zu tun.» Erstmals seit Wochen huschte ein scheues Lächeln über das Gesicht des 29-Jährigen. Die Spannung im Ausdruck wich. Er schüttelte Starverteidiger Mark O’Mara die Hand, drückte Ehefrau Shellie und seine Freunde. Georges Eltern lagen sich in den Armen. «Ich bin stolz, ein Amerikaner zu sein. God Bless America», twittert später Vater Robert.

«Keine Gerechtigkeit, kein Frieden», skandierten draussen vor dem Gerichtsgebäude Demonstranten. Ein Satz, der in dieser Nacht auch durch die Strassen anderer Städte von Atlanta über Philadelphia bis San Francisco und Washington hallte. Die Polizei rüstete sich für den Fall von Ausschreitungen.

«Das bricht mir das Herz», klagt Erika Rodger, eine Weisse, die zusammen mit ihrer schwarzen Freundin Tonetta Foster gekommen ist. «Ich habe einen 20-jährigen Sohn. Ich hasste es, wenn ihm auch so etwas passierte.» Solidarität mit dem schwarzen Amerika, das unter Schock steht. Wer die falsche Hautfarbe hat, so die Botschaft aus Sanford, lebt gefährlich.

Tatverlauf bleibt ungeklärt

Ein Punkt, den auch die Staatsanwaltschaft von Anfang an hervorgehoben hat. Ankläger John Guy rief in seinem Eröffnungsplädoyer die Äusserungen des selbsterkorenen Nachbarschaftswächters Zimmerman ge­gen­über der Polizei in Erinnerung, als dieser den Schwarzen mit der Kapuze meldete: «Verdammte Dreckskerle, die kommen immer davon.»

Die Beamten hatten ihn angewiesen, im Auto zu bleiben. Statt sich daran zu halten, verfolgte der bewaffnete Zimmerman den Jungen. Wenige Minuten später war Trayvon tot. Was dazwischen passierte, konnte auch nach der Vernehmung der 50 Zeugen nicht lückenlos geklärt werden.

Prozessbeobachter überraschte die zügige Urteilsfindung der Jury nicht. Es reicht unter den fragwürdigen Gesetzen des Sonnenstaates die blosse Furcht um das eigene Leben aus, jemanden in Notwehr ungestraft niederzustrecken. Selbst wenn er sich selber in die Si­tua­tion gebracht hatte. «Wir werden nicht tun, was George Zimmerman getan hat», erklärte Anwalt Benjamin Crump für Trayvons Eltern nach dem Urteil. «Wir werden das Recht nicht in unsere eigene Hand nehmen.»

Bürgerrechtler formieren sich

Doch damit ist der Fall längst nicht erledigt. «Das war nur die erste Runde», kündigt Bürgerrechtler Al Sharpton an, der in dem Fall Trayvon Martin ein Sym­ptom für die anhaltende Diskriminierung gegen das farbige Amerika sieht. Jung, schwarz und männlich macht verdächtig. Auch deshalb stecken sechsmal so viele Afroamerikaner im Gefängnis wie Weisse. Die Chance, hinter Gittern zu landen, ist für junge Schwarze grösser, als einen Job zu finden.

Sharpton und die Bürgerrechtsbewegung NAACP wollen jetzt das Justizministerium in Washington einschalten. Dieses kann wie damals nach dem Freispruch der Polizisten im Fall des misshandelten Rodney King tätig werden, wenn institutionelle Benachteiligungen vorliegen. In diesem Fall das Notwehrrecht in Florida, das der Jury keine andere Wahl liess, aber bestehende Vorurteile wie die Furcht vor dem schwarzen Mann zementiert.

Die Bürgerrechtler hoffen bei ihrem Engagement auf einen starken Verbündeten im Weissen Haus. Barack Obama hatte den Eltern Trayvons nach dem tragischen Tod öffentlich seine Anteilnahme ausgesprochen. «Hätte ich einen Sohn», sagte der US-Präsident, «sähe er wie Trayvon aus.» Im Amerika des Jahres 2013 lebte dieser gefährlich, wenn er sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielte.

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