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Freispruch wegen «Pattsi­tua­tion»

Ein Mann stand gestern vor dem Winterthurer Bezirksgericht – angeklagt wegen sexueller Handlung mit einem Kind. Doch statt der geforderten Strafe von acht Monaten sprach ihn die Richterin frei.

Es ist ein heikler Freispruch. Sie hätten sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sagte die Winterthurer Bezirksrichterin gestern nach der Urteilsverkündung. Aber es sei ein klassischer Fall von «In dubio pro reo» – im Zweifel für den Angeklagten. Dieser war von einem Mädchen beschuldigt worden, sie gekitzelt und ihr minutenlang unter T-Shirt und BH an die Brüste gefasst zu haben. Das soll er 2012 im Zeitraum von rund acht Monaten wiederholt getan haben. Im Wissen, dass sein Opfer damals zwölf Jahre alt gewesen war. Das Mädchen ist die Tochter der damaligen Lebenspartnerin des 39-Jährigen. Mutter und Kinder wohnen in Winterthur. Der Angeklagte selbst lebt im Zürcher Oberland und verbrachte die Wochenenden häufig in der Wohnung seiner Lebenspartnerin. Dort sollen die sexuellen Übergriffe stattgefunden haben – im Schlafzimmer der Mutter oder des Mädchens.

Bei Tatschilderung nie übertrieben

Der Beschuldigte wies diesen Vorwurf vor Bezirksgericht weit von sich: «Diese Anschuldigungen sind nicht wahr.» Er habe das Mädchen zwar zwei-, dreimal an Hals und Bauch gekitzelt. Sie aber nie «unsittlich» berührt. Kurz nachdem das Mädchen zum ersten Mal dar­über gesprochen hatte, soll er laut den Akten zu einer Bekannten gesagt haben: «Es war ein Versehen.» Von der Richterin dar­auf angesprochen, beteuerte er jedoch gestern: «Ich konnte mir die Szene inzwischen lange überlegen. Und bin sicher: Es ist wirklich nichts passiert. Das hätte ich gemerkt.»Die Opferanwältin stellte seiner Aussage jene ihrer Mandantin gegenüber. Das Mädchen habe die Übergriffe zweimal in ähnlicher Weise, nachvollziehbar und stimmig geschildert. Dabei sei sie bedrückt gewesen, habe nie übertrieben, sei nicht in Details abgeschweift oder habe von anderen Berührungen gesprochen. Das mache sie sehr glaubwürdig. Wie der Staatsanwalt forderte auch sie eine bedingte Haftstrafe von acht Monaten mit einer Probezeit von zwei Jahren und eine Genugtuung von 2000 Franken. Zudem solle der Beschuldigte die Kosten für die psychiatrische Behandlung des Mädchens übernehmen.

Glaubwürdige Zeugin

Doch diese Anträge fielen durch. Das Bezirksgericht sprach den Mann frei und entschädigte ihn mit 3800 Franken für die Anwaltskosten. Der Richterin lag jedoch viel daran, zu betonen, wie sehr sie den Aussagen des Mädchens Glauben schenke. Nichtsdestotrotz gebe es aber auch an der Version des Beschuldigten keine Zweifel – und keine Beweise dafür, dass er nicht die Wahrheit sage. Zudem würden in der Anklage zu viele Fragen offenbleiben. «Das Gericht spricht ihn frei wegen einer klassischen Pattsi­tua­tion.»

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