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«Frieden zu Hause, Frieden in der Welt»

ankara. Nach den Kämpfen an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien ist die Lage in der Grenzregion gestern ruhig geblieben. Diese Ruhe täuscht aber. Die Ausweitung des syrischen Bürgerkrieges auf die Nachbarstaaten ist nur noch eine Frage der Zeit.

«Yurtta sulh – Cihanda sulh» – zu Deutsch: «Frieden zu Hause, Frieden in der Welt» lautet eines der Leitmotive des türkischen Staatsgründers Atatürk, an das auf Spruchbändern und riesigen Plakaten überall in der Türkei erinnert wird. Auch die rund 5000 Menschen, die in der Nacht auf gestern auf dem zentralen Istanbuler Taksim-Platz gegen das zuvor vom Parlament verabschiedete Gesetz für Militärinterventionen in Syrien demonstrierten, erinnerten den türkischen Ministerpräsidenten lautstark an die «heiligen Grundsätze» Atatürks. Wenn Erdogan syrischen Rebellen sowie internationalen Dschihad-Kämpfern gestatte, von türkischem Territorium aus gegen den Diktator in Damaskus zu kämpfen, dann brauche er sich nicht zu wundern, wenn der Krieg auf die Türkei übergreife, ereiferten sich die Demonstranten.

Tatsächlich kann dieses Argument nicht gänzlich von der Hand gewiesen werden. Die humanitären Interventionen der türkischen Regierung im syrischen Bürgerkrieg verdienen Anerkennung und Bewunderung. Über das militärische Engagement Ankaras wird dagegen offiziell noch immer nicht gesprochen. Dabei ist es längst ein offenes Geheimnis, dass Waffen über die Grenze nach Syrien gebracht werden und die Rebellen sich nach erfolgreichen Operationen in die «sichere Türkei» zurückziehen können. Vor diesem Hintergrund war es nur eine Frage der Zeit, bis syrische Granaten auf türkischem Territorium einschlagen würden.

Rebellen kontrollieren Grenze

Die Mörsergranaten, die am Mittwoch im türkischen Akcakale fünf Zivilisten töteten, waren mit Sicherheit die letzten, die über die Grenze geschossen worden sind. Sechs von sieben Übergängen an der 800 Kilometer langen türkisch-syrischen Grenze werden von Rebellen kontrolliert. Da die reguläre syrische Armee die Posten zurückerobern will, um den Waffenschmuggel zu unterbinden, sind grenzüberschreitende Scharmützel nahezu unvermeidlich.

Wie dann die türkische Armee reagieren wird, bleibt abzuwarten. Alles andere als eine «Vorwärtsverteidigung», also eine begrenzte Intervention auf syrischem Gebiet, wäre aber eine Überraschung. Die Assad-Armee würde sicherlich «entsprechend antworten», falls sie dazu in der Lage sein sollte. Auch an der libanesisch-syrischen Grenze kommt es bereits seit Wochen zu schweren Gefechten. Anders als in der Türkei ist die libanesische Armee dort aber aus politischen Gründen nicht bereit, auf syrische Übergriffe zu reagieren. Kompliziert wird die Lage durch die Präsenz umfangreicher Rebellenverbände im Grenzgebiet. Ihr Ziel ist die Schaffung eines grenzüberschreitenden Korridors für umfangreiche Waffenlieferungen aus jenen Gebieten des Libanons, die mit den Rebellen sympathisieren.

Grenzgefechte mit Jordanien

Auch an der syrisch-jordanischen Grenze ist es bereits zu schweren Gefechten zwischen den regulären Armeen beider Länder gekommen. Ausgelöst wurden sie, als syrische Aufständische die Grenze überschritten und dabei entdeckt wurden. Je länger der Bürgerkrieg in Syrien dauert, umso wahrscheinlicher ist es, dass sich derartige Grenzgefechte wiederholen und ausweiten. Selbst auf den von Israel besetzten Golanhöhen sind nach Demonstrationen von Gegnern und Anhängern des syrischen Präsidenten schon Schüsse gefallen. Die israelische Armee evakuierte daraufhin eine Gruppe ausländischer Touristen in der Nähe der Demarkationslinie.

Anlass zur Sorge gibt auch die Lage an der syrisch-irakischen Grenze. Ein Konflikt zwischen den regulären Armeen beider Länder ist dort zwar nicht zu befürchten, da die schiitische Regierung in Bagdad das Regime in Damaskus unterstützt. Gleichzeitig haben sich die Beziehungen zwischen Ankara und Bagdad in den letzten Monaten erheblich verschlechtert. Welche Auswirkungen das im Falle eines offenen Konfliktes zwischen Syrien und der Türkei haben wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Beobachter halten es für denkbar, dass dann iranische Revolutionsgardisten «ins Spiel» kommen könnten. Deren Kommandanten haben bereits angedroht, im Falle einer türkischen Intervention in Syrien «nicht untätig» zu bleiben.

Die hochexplosive Lage an den syrischen Grenzen ist natürlich ganz nach dem Geschmack der syrischen Aufständischen, die Militärinterventionen der Nachbarstaaten bereits seit Monaten verlangen – und mit «Querschlägern» über die Grenze eine Einmischung zu ihren Gunsten provozieren oder beschleunigen könnten.

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