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«Für diese Jobs kämpfe ich wie ein Löwe»

SEON. Unter Rolf G. Schmid wurde aus Mammut ein erfolgreicher Hersteller von Outdoorausrüstung. Der Mammut-Chef spricht im Interview über den geglückten Turnaround, die Produktion im Ausland, Umweltschutz und die Kritik an seinem Unternehmen.

Outdoorbekleidung ist heute allgegenwärtig. Auch in Städten wird sie von Männern und Frauen, Jung und Alt getragen. Wie erklärt sich der Mammut-Chef diesen Trend? Rolf G. Schmid: In unserer modernen Welt suchen viele Menschen einen Ausgleich zur Hektik des Alltags. An Wochenenden und in den Ferien wollen sie deshalb hinaus in die Natur. Indem sie die Outdoorbekleidung auch im Alltag tragen, können sie die Erinnerung an die schönen Momente in den Bergen mit ins Büro nehmen. Daneben gibt es auch einen praktischen Grund: Kleidung, die in den Bergen vor Regen schützt, tut das auch, wenn man in der Stadt aufs Tram wartet. Outdoormarken treten zunehmend mit eigenen Flagship Stores auf. Auch Mammut hat Dutzende solcher Läden in sieben Ländern. Sind weitere geplant? Ja. Wir müssen als Marke sichtbarer werden. Mit dem Fachhandel arbeiten wir zwar gut zusammen. Als Marke sind wir dort aber nur eine von vielen. Wir brauchen deshalb auch Örtlichkeiten, wo wir das gesamte Sortiment präsentieren und uns als Marke zelebrieren können. Wir wollen den Kunden ein Mammut-spezifisches Erlebnis bieten. Das ist nur mit eigenen Läden möglich. In Asien ist die Ausgangslage eine andere. Dort gibt es keinen klassischen Sportfachhandel, wie wir ihn kennen. Wenn man dort als Marke Fuss fassen will, geht das gar nicht anders als mit eigenen Läden. In China werden wir demnächst unseren ersten «Shop in Shop» eröffnen. Der erste ganz selbstständige Laden folgt noch dieses Jahr. 2012 hat Mammut das 150-Jahr-Jubi-läum mit der Besteigung von 150 Berggipfeln gefeiert. Sie waren bei einigen der Touren dabei. Waren Sie schon vor Ihrer Zeit bei Mammut ein Outdoorfan? Nein. Ich bin in Grossstädten wie Buenos Aires, Kopenhagen und Rom aufgewachsen und hatte entsprechend keine Outdoorerlebnisse. Erst als ich zu Mammut kam, wurde ich zum Fan. Wann immer es mir zeitlich möglich ist, versuche ich, eine Bergtour zu machen. Ich bin zwar nicht ganz schwindelfrei und muss deshalb jeweils nach oben schauen, wenn unter mir hohe Felswände sind. In den Bergen geht es vor allem um Vertrauen. Wenn man den Begleitern, aber auch dem Material vertraut, kommt man überall mit, selbst wenn man nicht ganz schwindelfrei ist. Sehnen Sie sich manchmal zurück nach dem Leben im Ausland? Bis zur Rekrutenschule kannte ich die Schweiz nur von Ferienaufenthalten. Als ich dann nach der ersten Woche nicht mit meiner Vespa mit Römer Nummernschild in den Urlaub fahren durfte, weil das in Uniform verboten war, dachte ich schon, dass hier alle spinnen. Doch dann habe ich mich schnell eingelebt. In den vergangenen 35 Jahren war ich nur einmal noch für ein Jahr in Madrid. Ich fühle mich in der Schweiz sehr wohl. Die Art, wie wir leben können, und die Werte, die wir in der Schweiz leben, findet man in kaum einem anderen Land. Der Schweizer ist vielleicht nicht immer der Fröhlichste, aber er ist im Allgemeinen ehrlich und bescheiden. Riesiges Glück haben wir mit der Landschaft. Es ist im Grunde das Paradies auf Erden – man realisiert es einfach erst, wenn man weg ist. Mammut hat seine Wurzeln in einer 1862 gegründeten Seilerei in der Nähe von Lenzburg. Wie wichtig ist die Sparte Kletterseile heute noch? Mit einem Anteil von 3 bis 4 Prozent am Umsatz ist die Sparte quantitativ unbedeutend. Als ideeller Wert ist sie dagegen sehr zentral. Das Kletterseil ist das wohl wichtigste Utensil für einen Bergsteiger. An diesem Faden hängt im Notfall sein Leben. Stimmt die Qualität des Seiles nicht zu 100 Prozent, kann das den Tod bedeuten. In der internen Kommunikation wird das Seil bewusst oft erwähnt: zur Erinnerung an unsere Qualitätsansprüche, aber auch weil die Seilschaft für gute Zusammenarbeit und Vertrauen steht. Ausserdem verdanken wir unseren Seilen den Namen. Vor vielen Jahren erhielt eines unserer Seile den Übernamen Mammut, weil es im Ruf stand, so stark zu sein. Irgendwann sprachen alle von den Mammut-Seilen. Vor 30 Jahren tauchte das Wort dann erstmals im Firmennamen auf. Als Sie 1996 Mammut-Chef wurden, schrieb die Firma rote Zahlen. Wie haben Sie den Turnaround geschafft? Ich kam, schnippte mit dem Finger und alles war in Ordnung … Im Ernst: Drei Dinge waren dafür wichtig: Ich hatte das Glück, dass der Mutterkonzern Conzzeta langfristig orientiert ist und Mammut nicht einfach nach drei Jahren gewinnbringend verkaufen wollte. Zweitens hatte ich die richtigen Mitarbeiter. Und schliesslich erhielten wir das für einen Turnaround nötige Geld. Eine Vision hatten Sie nicht? Es wäre zwar schön für meinen Lebenslauf, zu sagen, ich hätte mit einer fertigen Vision hier angefangen. Doch das wäre vermessen. Eine Vision, in welche Richtung das Unternehmen gehen sollte, haben wir in den ersten drei, vier Jahren entwickelt. Als ich 1996 anfing, hatten wir nur Produkte, die oberhalb von 4000 Metern zur Anwendung kamen. Nötig war also eine Verbreiterung des Kundenstammes. Um gewinnbringend zu sein, durften wir nicht ausschliesslich Profibergsteiger ansprechen, sondern mussten uns auch auf Hobbysportler konzentrieren. Das bedingte zunächst eine Verbreiterung des Sortiments: Unter anderem bauten wir das Schlafsackangebot aus und übernahmen die Schuhfirma Raichle sowie den Lawinensuchgeräte-Hersteller Barryvox, Danach ging es um eine geografische Ausdehnung, um durch die Erschliessung von neuen Märkten Wachstum zu erzielen. Mit Ausnahme der Seile und der Lawinensuchgeräte lässt Mammut alle Produkte im Ausland fertigen. Wie schweizerisch ist das Unternehmen noch? Jedes Produkt wird in der Schweiz entwickelt. Danach suchen wir den besten Produzenten. In der Schweiz gibt es das Knowhow zur Fertigung schlicht nicht mehr: Es fehlen sowohl die Leute als auch der Maschinenpark dazu. Die Textilproduktion im Ausland ist heute keine Frage des Geldes mehr, sondern eine Notwendigkeit. Das grösste Knowhow, die neusten Technologien und die modernsten Maschinen: Das alles findet sich heute in Asien. In der Schweiz steht die einzige Maschine zum Verkleben von Gore-Tex-Nähten bei uns – für Reparaturen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir das gesamte restliche Knowhow in der Schweiz behalten können, zum Beispiel für Entwicklung, Design und Vermarktung. Dafür werde ich kämpfen wie ein Löwe. Dazu sind wir aber zum Teil auf Leute aus dem Ausland angewiesen. Textilingenieure zum Beispiel müssen wir in Deutschland suchen, in der Schweiz gibt es keine mehr. Ohne Personenfreizügigkeit wäre deshalb Mammut in der Schweiz gefährdet. Was hätte die Swissness-Vorlage für Auswirkungen auf Mammut? Auch wenn bei einer unserer Jacken 80 Prozent der Wertschöpfung auf die Schweiz entfällt, steht am Ende «Made in China» drauf, weil sie in China genäht wird. Das wird mit der Swissness-Vorlage sicher nicht besser. Die Vorlage würde es uns aber praktisch verunmöglichen, zu sagen, dass wir eine Schweizer Firma sind. Wir dürften uns zum Beispiel nicht «Mammut of Switzerland» nennen. Zugleich haben wir weltweit Mitbewerber, die mit Schweizer Namen oder Symbolen werben, obwohl sie mit der Schweiz nicht das Geringste zu tun haben. Ich halte Teile der Swissness-Vorlage deshalb für einen Fehler, welcher der Schweizer Industrie schadet. Im Outdoorguide der Erklärung von Bern hat Mammut gut abgeschnitten. Ihr Unternehmen erfüllt viele Sozialstandards und hat sich zur Zahlung von existenzsichernden Löhnen in den Produktionsländern verpflichtet. Wo besteht noch Handlungsbedarf? Für mich ist das eine Reise. Die Frage ist, welche Ansprüche wir stellen. Wollen wir, dass jemand in Kalkutta gleich viel verdient wie jemand in Zürich? Dann ist die Reise noch sehr lang. Je nachdem, mit wem man spricht, besteht dieser Anspruch. Niemand weiss allerdings, wer das bezahlen soll. Derzeit steigen die Löhne in Asien pro Jahr zwischen 10 und 20 Prozent. Solange die Konsumenten bereit sind, die steigenden Löhne über höhere Preise zu bezahlen, finde ich das super. In unseren Fabriken gibt es allerdings generell weniger Lohndruck als etwa in einer T-Shirt-Fabrik. Unsere Stoffe sind so teuer, dass es nicht dar­um gehen kann, für etwas tiefere Stückkosten mehr Fehler zu riskieren. Die Outdoorbekleidung von Mammut und anderen Herstellern enthält giftige perfluorierte Kohlenwasserstoffe, wie eine Studie von Greenpeace zeigt. Weshalb wollen Sie diese Substanzen erst ab 2015 nicht mehr verwenden? Die Frage ist, mit was für einer Jacke der Konsument in die Berge will. Genügt ihm eine nicht ganz wasserdichte Jacke, braucht es diese Substanzen nicht. Sucht er aber eine wasserdichte und atmungsaktive Jacke, dann gibt es noch keine Technologie, die ohne perfluorierte Kohlenwasserstoffe auskommt. Es gibt aber enorme Anstrengungen, hier eine Lösung zu finden. Allerdings muss man sich auch im Klaren sein, wor­über wir reden. Es geht um so geringe Werte, die bis vor zwei Jahren nicht einmal nachweisbar waren. Alle Gesundheitsbehörden bestätigen, dass diese Kon­zen­tra­tion für die Gesundheit sowohl der Menschen in den Fabriken als auch der Träger unbedenklich ist. Problematisch sind diese Substanzen nur, wenn sie ins Abwasser gelangen und sich irgendwo über Jahrzehnte anreichern können. Sie haben einmal gesagt, dass Funktionstextilien mit atmungsaktiven Membranen eigentlich korrekt entsorgt werden müssten. Braucht es eine Rücknahmepflicht wie für Elektronikgeräte? Wir machen das seit 20 Jahren. Nur eine Handvoll Jacken wurde in dieser Zeit zurückgebracht. Das Gute an unseren Jacken ist die lange Lebensdauer. Ich trage eine Jacke sechs, sieben Jahre in der Öffentlichkeit, dann ebenso lange im Garten. Danach gebe ich sie in die Kleidersammlung und sie wird irgendwo nochmals so lange getragen. Wenn eine Jacke über 20 Jahre ihren Dienst tut, ist dies das Umweltfreundlichste überhaupt. Wenn alle paar Jahre eine neue Jacke gekauft wird, ist die Umweltbilanz wegen der Herstellung schlechter. Wir bieten schon heute die Möglichkeit, textile Funktionsausrüstung fachgerecht zu entsorgen. Dafür stehen in den Schweizer Mammut Stores sogenannte spezielle Boxen. Angenommen wird alles, auch Produkte von Mitbewerbern.

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