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Ganz schön schräg

Der Amerikaner Edward Gorey (1925–2000) schuf wunderbar schräge Bildergeschichten, ohne Moral und von befremdlicher Logik. Einer seiner Klassiker ist nun neu erschienen.

Das Leben und die Geschichten, die es schreibt, gehen nicht «einfach so» auf; Kinder wissen das, jedenfalls die meisten. Und manche Erwachsene vergessen das nicht, auch wenn sie dem Kindesalter offiziell längst entwachsen sind. Für solche Kinder und wohl noch mehr für solche Erwachsene hat Edward Gorey seine Bildergeschichten erdichtet, seine seltsamen, skurrilen, fantastischen und absonderlichen Bildergeschichten, surreal und schwarzhumorig, immer leicht beunruhigend und alle Erwartungen unterlaufend – kurz: Nonsens der höheren Art. Vor 60 Jahren ist sein erstes eigenes Buch erschienen (Gorey hat als Illustrator und Grafiker begonnen), «Eine Harfe ohne Saiten» («The Unstrung Harp»), in dem der ­Autor so etwas wie die Absurdität des Bücherschreibens vor Augen führt. Dabei sollte der damals 28-Jährige doch für den Rest seines Lebens vor allem dies tun: Bücher schreiben.

Über 100 sind es insgesamt geworden, lauter mehr oder wenige schmale Bildergeschichten, bei denen Edward Gorey die Bilder mit knappen Prosatexten oder reichlich prosaischen Reimen untrennbar verbindet. Zunächst von Intellektuellen und kreativen Köpfen geschätzt, erreichte er schon bald ein breites Publikum. Zu den erfolgreichsten beziehungsweise bekanntesten Geschichten gehört – neben «Ein sicherer Beweis», «Das Geheimnis der Ottomane» oder «Das unglückselige Kind» – «The Doubtful Guest» von 1957, für das sich schon der alte Hermann Hesse begeistern konnte. Wir kennen es auf Deutsch als «Ein zweifelhafter Gast» oder nun neu, in der Übersetzung von Alex Stern, als «Ein fragwürdiger Gast».

Keine viktorianische Idylle

Ob zweifelhaft oder fragwürdig: Bedenklich ist die merkwürdige Angelegenheit mit dem Langzeitgast auf jeden Fall. In einer «stürmischen Winternacht» hält er unerwartet Einzug in das schlossartige Gebäude, in dem zwei Männer, zwei Frauen und ein kleiner Junge wohnen, mitsamt Dienerschaft. Das Ambiente ist typisch Gorey, nämlich very british (spät)viktorianisch und zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts angesiedelt. Schwarz-weiss der Strich, subtil die Schraffur, wunderbar blasiert, empört oder verunsichert die überlängten Figuren. Da hilft kein Schreien, kein empörter Blick, keine «schönste Überredung»: Der ungebetene Gast, ein pinguinartiges Wesen mit Tukanschnabelgesicht, das nur sein Fell und weisse Segeltuchschuhe trägt (wie Gorey), bleibt. Bleibt auch stumm, unberechenbar, uneinsichtig, eigensinnig und vielleicht sogar boshaft. Etwa so: «Manchmal sollte es komplette Kapitel aus Büchern fetzen / Oder die Gemäldehängung ganzer Räume ins Schiefe versetzen.»

Am Ende sind 17 Jahre vergangen. Die Erwachsenen sind älter, aus dem Jungen ist ein Jüngling geworden. Nur der fragwürdige Gast hat sich nicht verändert – als wäre er der Inbegriff dessen, was sich Eltern aufladen können, wenn sie ein Kind in die Welt setzen: ein unberechenbares, uneinsichtiges, eigensinniges und vielleicht sogar boshaftes Wesen.

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