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Gegensätze und Zwischenräume

So leer war der Kunstkasten noch nie. Der Luzerner Künstler Jeremias Bucher rückt mit seiner Intervention die Architektur und die Umgebung des Kunstkastens in den Vordergrund.

Wer zurzeit am Kunstkasten vorbeidüst, schaut vielleicht gar nicht hin. Oder wer dann doch einen Blick riskiert, denkt sich, dass die nächste Ausstellung erst noch kommt. Aber: Das ist die Ausstellung. Man sieht nichts als einen leeren Kunstkasten. Die innere Tür ist geöffnet, man sieht also den Backstagebereich und vielleicht brennt gerade das Licht. Ist das Kunst? Es ist Kunst: Es wurde eine Einladung verschickt und die ganze Übung hat auch einen Titel. Der lautet «an/aus». Aha. Jetzt kommt Licht in die Sache. Man muss nur den Schalter drehen. Den hat man mit der Einladungskarte mitgeliefert bekommen – als Abbildung. Also stehen wir noch immer ratlos vor dem Rätsel, das den Titel «an/aus» trägt. Gottlob befinden wir uns an der Vernissage, wo sich ein Grüppchen eingefunden hat, um den Worten von Monika Schmid, die den Kunstkasten zusammen mit Karin Wiesendanger und Judith Weidmann betreibt, zu lauschen. Sie stellt Jeremias Bucher, dem jungen Künstler aus Sursee mit Jahrgang 1984, der an der Kunsthochschule Luzern studiert hat, einige Fragen. Der Künstler sagt, dass ihn Gegensätze und Zwischenräume interessierten. Beim Kunstkasten habe er zwei Eingriffe vorgenommen. Der eine bestehe darin, die innere Tür offen stehen zu lassen; der andere betreffe die Zeitschaltuhr. Normalerweise gehe die Beleuchtung des Kunstkastens ungefähr um 19 Uhr an und schalte irgendwann am Morgen wieder aus. Er habe nun die Zeitschaltuhr so programmiert, dass das Licht in einem regelmässigen Rhythmus 20-mal pro Tag an- beziehungsweise ausgehe. Auf diese Art und Weise würde der Kunstkasten an sich in den Vordergrund rücken. Mit seiner inneren Leere widerspiegle er den verlassenen Zustand des Katharina-Sulzer-Platzes, sagt der Künstler. Die Umgebung wirke auf ihn monoton und geisterhaft. Sein Standort sei ein Durchgangsort und damit ein schwieriger Ort zum Ausstellen. Es herrsche hier ein Kommen und Gehen. Vielleicht würden die Leute bemerken, dass das Licht zu Unzeiten angeht, vielleicht auch nicht. Das störe ihn nicht. Er habe diesbezüglich keine Erwartungen. Es gehe ihm nicht darum, ein Werk zu zeigen, sondern den Kunstkasten in seiner Umgebung. Tatsächlich ist der Kunstkasten ein spezieller Ausstellungsort. Er ist weder begehbar noch betreut. Mit seinen rund zwölf Kubikmetern Raum wirkt er wie ein Aussenposten der Kunst im ehemaligen Industrieareal. Hinter ihm befindet sich die Halle 53, deren zukünftige Nutzung noch offen ist. Jeremias Bucher hat den Ort, bevor er zur Tat schritt, auf sich einwirken lassen. Und er hat die sich ihm stellende Ausgangslage feinfühlig wahrgenommen. Seine Intervention ist radikal minimalistisch und konzeptionell clever. Sie macht es dem Publikum nicht einfach. Aber im Grunde hat er mit seiner Intervention adäquat auf die Gegebenheiten des Ortes reagiert. Und dazu gehört die (gähnende) Leere des Katharina-Sulzer-Platzes: ein städtebaulich schmaler und wenig belebter Zwischenraum. Jeremias Bucher: an/aus Kunstkasten, Katharina-Sulzer-Platz. Bis 1. Dezember.

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