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Geklatscht wird immer

Nahezu unbeachtet von der öffentlichen Aufmerksamkeit erfreut sich ein kollektives Phänomen ständig wachsender Beliebtheit: das Applaudieren.

Ungern erinnere ich mich an jene Abende mit Verdi und Co., an denen es nichts zu tun gab. Weil die Rollen einseitig verteilt waren: Vorne auf der Bühne lebten die Künstler ihren Trieb zur Selbstverwirklichung aus, im abgedunkelten Zuschauerraum hinten dämmerten die Konsumenten passiv vor sich hin. Einzeln oder in Gruppen sangen sich die Sänger vor einem möglichst realistischen Bühnenbild in die vom Libretto vorgeschriebene Verzweiflung hinein, was umso länger dauerte, je auswegloser die Si­tua­tion war, und manchmal dauert es sogar bis über den Tod des Helden hinaus, auch das kommt vor bei Verdi. Das Ganze natürlich auf Italienisch, irgendeine unverständliche Geschichte über Betrug oder Missbrauch, der die gerechte Rache auf dem Fusse folgte. Lange galt es zu warten und wach zu bleiben – um Gottes willen ja nicht einschlafen! –, bis der Held endlich den Mund hielt und man klatschen durfte. Welche Erlösung! Endlich konnte man etwas tun, das den Kreislauf anregte. Interaktive Rockkonzerte Ungleich grösser als in der Oper ist das Spektrum der Mitwirkungsmöglichkeiten an einem Rockkonzert. Man kann zum Beispiel ein Bier holen, einer Freundin winken, einen Standort einnehmen, von dem man besser sieht, einfach so mal den Platz wechseln, telefonieren, surfen, zu viert zusammenstehen und reden, zu sechst den Platz überqueren, Witze erzählen und Kreuzworträtsel lösen. Letzteres wird zwar von den Veranstaltern nicht gerne gesehen. «Kreuzworträtsel? Davon haben wir nichts», erklären sie und rufen dem Kreuzworträtselfan zu: «Bleib ruhig hier, aber trink dazu ein Bier.» Klar an der Spitze der interaktiven Tätigkeiten steht heute aber das Applaudieren. Sein unaufhaltsamer Siegeszug erfolgte in den gefühlten zehn vergangenen Jahren, Hand in Hand mit dem Aufschwung von zeitgemässen Tätigkeitsfeldern wie dem Public Viewing. Hier wie dort gilt: Man ist begeistert. Und man zeigt es. Selbst wenn man davor und danach anderweitig beschäftigt ist. So kommt es, dass selbst das langweiligste, fadengerade heruntergespielte Gitarrenrockset eifrig beklatscht wird – spätestens wenn es dar­um geht, eine Zugabe herauszuholen. Offenbar macht es Spass, etwas herauszuholen. Man sollte das nicht mit Engagement verwechseln. Mitfiebernde Unterstützung sieht anders aus. Es ist schon frappant, wie gleichgültig weite Teile des Publikums dreinblicken, während die Band spielt. Und wie schnell sich die Köpfe wieder senken, wenn die Zugabe einmal läuft. Das Applaudieren hat sich, so macht es den Anschein, als kollektives Ritual verselbstständigt. Man jubelt nicht hingerissen von echter Begeisterung, sondern weil es dazugehört. Treffpunkt mit Applausgarantie Aber vielleicht wird auch deshalb gejubelt, weil man einfach mehr davon hat, wenn man selbst etwas tut. Das ultimative Gruppenfeeling, das mich über mich hinaushebt, ergibt sich eben nicht schon daraus, dass da vorne irgendwer irgendwas für mich macht. Erst beim Applaudieren merken wir, dass wir nicht alleine sind. Wäre dieses Ritual verboten, könnten wir gerade so gut zu Hause bleiben. Davon zu schweigen, dass der Sound heute oft so perfekt abgemischt ist, dass er auch von der CD stammen könnte. Wenn dereinst jeder Musikstil zehn Retrowellen hinter sich haben wird und sich auf der Bühne gar nichts Neues mehr tut, kann man vielleicht Konzerte ganz ersetzen durch rein soziale Treffpunkte mit Applausworkshops. Oder ist das jetzt zu therapeutisch gedacht?

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