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Geldprämien fürs Verpfeifen der Nachbarn

In China versuchen ganze Wohnviertel, sich gegen das Coronavirus abzuschotten. Eine Stadt bietet Geld für Hinweise auf Urlaubs-Rückkehrer aus Wuhan.

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Mitglieder eines Nachbarschaftsvereins in Jiujiang notieren sich Angaben über kürzliche Reisen einer Anwohnerin. (2. Februar 2020) Foto: Thomas Peter/Reuters
Mitglieder eines Nachbarschaftsvereins in Jiujiang notieren sich Angaben über kürzliche Reisen einer Anwohnerin. (2. Februar 2020) Foto: Thomas Peter/Reuters

Geldprämien fürs Verpfeifen der Nachbarn, Verhöre an der Wohnungstür und misstrauische Fragen zu den letzten Reisezielen: Wie Polizeifahnder suchen chinesische Gemeindevertreter gerade im ganzen Land nach Menschen, die in der besonders von dem neuartigen Coronavirus betroffenen Stadt Wuhan gewesen sind.

«Selbst wenn du hier wohnst, kommst du nicht rein», sagt ein Sicherheitsbeamter, der mit einer blauen Atemmaske am Eingang eines Pekinger Wohnviertels steht. «Wer aus Hubei kommt, muss das Nachbarschaftskomitee benachrichtigen.» Hier und in vielen anderen Stadtvierteln Chinas sind Reisende aus der Provinz Hubei nicht mehr willkommen - und werden ganz besonders von Nachbarn und Behörden ins Visier genommen.

Hubei ist die am stärksten von der Atemwegserkrankung betroffene Provinz. Das neuartige Coronavirus war im Dezember in ihrer Provinzhauptstadt Wuhan erstmals beim Menschen aufgetreten und hatte sich von dort aus in ganz China und in mehr als 20 Länder weltweit verbreitet. Mit dem Ende der Neujahrsferien wächst in China die Furcht vor einer weiteren Ausbreitung der Atemwegserkrankung durch Reisende. Die Furcht vor einer Ansteckung setzt die Behörden zunehmend unter Druck und löste teils drastische Massnahmen aus. Ein Bezirk der Stadt Shijiazhuang im Norden Chinas lockt die Bewohner sogar mit einer Geldprämie von 2000 Yuan (rund 278 Franken), wenn sie Menschen melden, die in den vergangenen zwei Wochen in Wuhan gewesen sind.

Barrikaden und Befragungen

In der Hauptstadt Peking versuchen ganze Wohnviertel, sich gegen Urlaubs-Rückkehrer aus Wuhan abzuschotten - teils mit selbstgebauten Barrikaden. Rückkehrer und Besucher werden bei der Ankunft minutiös ausgehorcht. Bei unbekannten Gesichtern oder Menschen, die mit Koffern unterwegs sind, bitte sie die Leute, sich in eine Liste einzutragen, sagt Mei, die in einem Wohnkomplex in Peking arbeitet und nur ihren Vornamen nennen will.

Wenn Wuhan-Reisende in ihre Wohnungen zurückkehren, werden sie zwei Wochen lang streng überwacht. Sobald sie wieder in ihren Häusern sind, «können sie nicht mehr ein- und ausgehen», erklärt Xu Aimin von einer Einwohnergemeinschaft in Peking. Wenn die Rückkehrer Lebensmittel bräuchten, könne das Nachbarschaftskomitee die Einkäufe erledigen. Zu den Vorsichtsmassnahmen gehören auch tägliche Telefonanrufe und Fiebermessungen.

Laut Xu haben Vertreter ihres Nachbarschaftskomitees, das einen Wohnkomplex mit mehr als 2400 Haushalten verwaltet, zudem an jeder Tür geklopft, um die Bewohner zu befragen. «Jeder soll zu einer Informationsquelle werden», erklärt Xu. Wenn die Bewohner «ihrem Nachbarn nicht vertrauen, sollten sie umgehend anrufen».

Zutritt zu Wohnviertel verweigert

Obwohl die chinesische Regierung erst am Samstag betont hat, dass Nachbarschaftskomitees «keine Befugnis» haben, Anwohnern nach einer Fiebermessung den Zutritt zu ihrem Wohnviertel zu verweigern, ist Gou Hairong genau das passiert. Nach einer Reise nach Chengdu in der südwestlichen Provinz Sichuan habe ihr Nachbarschaftskomitee entschieden, sie nicht «hereinzulassen», berichtet die 24-Jährige, die jetzt auf dem Pekinger Westbahnhof ausharrt.

Vor allem Menschen aus Wuhan und Hubei befürchten eine zunehmende Stigmatisierung. «Als gebürtige Einwohnerin von Wuhan bin ich zutiefst verletzt», sagt Lucy Huang, eine 26-jährige Dokumentarfilmerin, die mittlerweile in Peking lebt. «Ich bin enttäuscht, dass die Menschen nicht einmal Mitleid haben.»

Zwar verstehe sie, dass Vorsicht geboten sei. «Unser Feind sollte aber immer der Virus selbst sein und nicht die Menschen in Hubei oder Wuhan.»

(SDA)

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