Winterthur

Alles andere als ein Gentleman

Der Männerblogger, der sich einem eigenen Gentleman’s Kodex verschrieben hatte, verging sich in der Nähe des Stadtparks an einer Minderjährigen. Jetzt hat ihn das Winterthurer Bezirksgericht wegen sexueller Nötigung verurteilt.

Auf einer Parkbank im Stadtpark kam es zu ersten Küssen, danach ging man weiter in einen dunklen Hinterhof.

Auf einer Parkbank im Stadtpark kam es zu ersten Küssen, danach ging man weiter in einen dunklen Hinterhof. Bild: Michele Limina

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Was für den damals 33-Jährigen als feucht-fröhlicher Männerabend im Chalet der «Wintialp» begann, endete einige Stunden später weniger erfreulich: Der Mann verbrachte Weihnachten und Neujahr in Untersuchungshaft. Grund: Er soll eine damals 17-Jährige im Stadtpark und später im dunklen Hinterhof bei der Villa Sträuli sexuell genötigt haben. Das Gericht sprach ihn gestern deswegen schuldig, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Was war passiert? Am Abend des 22. Dezember letztes Jahr kamen die beiden vor der «Wintialp» nach dem Fondue-Essen miteinander ins Gespräch. Er war mit Freunden unterwegs, sie hatte mit ihren Eltern, dem Bruder und zwei Freunden im Chalet gegessen. Er sprach sie an, spendierte Shots, kurz darauf gingen sie zusammen in den Stadtpark, wo sie sich auf einer Parkbank küssten.

«Er sagte immer wieder, probier es doch einmal aus, ich sagte mehrmals nein» Die junge Frau vor Gericht zu den Vorfällen in einem Hinterhof nahe der Villa Sträuli.

Der Beschuldigte schlug bald vor, einen privateren Ort zu suchen und führte sie in einen Hinterhof nahe der Villa Sträuli. Hier soll er sie an die Wand gedrückt, ihre Hose geöffnet mit dem Finger in sie eingedrungen sein. Als die 17-Jährige sagte, dass sie dies nicht wolle, weil sie noch keine solche Erfahrungen gemacht habe, soll er sie auf eine Holzbeige gedrückt und sie aufgefordert haben, ihn oral zu befriedigen, weil dies «megageil» sei.

«Er sagte immer wieder, probier es doch einmal aus, ich sagte mehrmals nein», sagte die junge Frau sichtlich bewegt vor Gericht. Daraufhin zog er sie wieder herauf und forderte, dass sie «ihm dann halt einen runterholen» solle, was sie dann auch tat. «Es ging alles so schnell. Ich hatte Angst, dass er sonst etwas Schlimmeres verlangt.»

Eigener Gentleman’s Kodex

Pikant: Der Beschuldigte, selbsternannter Influencer, hat sich einem eigenen Gentleman’s-Kodex verschrieben. Er ist Gründer und Betreiber eines Lifestyle-Blogs für Männer, in dem es um teure Uhren, schnelle Autos und «alles, was dem Menschen Spass macht» geht, wie er es vor Gericht zusammenfasste. In seinem Kodex gibt er Stil- und Verhaltenstipps für «Männer von Welt» und jene, die es werden möchten. Er ist damit mehrfach öffentlich aufgetreten oder hat Interviews zum Thema gegeben.

«Wir hatten einen lustigen Partyabend zusammen, haben uns gegenseitig angezogen, für mich war das alles auf einvernehmlicher Basis.»Der Beschuldigte

Neben Regeln, welche Schuhe zu welchem Anzug getragen werden sollen, geht es im Kodex auch um einzuhaltende Werte wie Respekt, Höflichkeit, Mitgefühl. Dort stehen dann Dinge wie: Ein Gentleman behandelt alle Personen mit Respekt, seine Liebe kennt keine Grenzen und ein Gentleman will diese Welt zu einem besseren Ort machen.

Nur «lustiger Partyabend»

Der heute 34-Jährige hatte vor Gericht dann auch eine andere Version zu schildern: «Wir hatten einen lustigen Partyabend zusammen, haben uns gegenseitig angezogen, für mich war das alles auf einvernehmlicher Basis.» Bei entscheidenden Fragen versagte ihm aber seine Erinnerung. Beispielsweise konnte er sich nicht erinnern, sie nach ihrem Alter gefragt zu haben – auch wenn er zuvor mit ihrer Mutter gesprochen hatte, die ihm sagte, dass ihre Tochter «nur noch wenige Male schlafen muss, bis sie volljährig wird». Gegen ihn sprach auch, dass man auf ihrer Jacke Sperma-Spuren fand, die ihm zugeordnet werden konnten.

Schweizer Sexualstrafrecht: Ein einfaches Nein genügt nicht
Mehr als die Hälfte der Frauen ist in ihrem Leben schon sexuell belästigt worden. Das ergab eine repräsentative Befragung von rund 4500 Frauen, die Amnesty International dieses Jahr durchführte. Jede fünfte Frau gab dabei an, sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Nur 8 Prozent haben danach aber Anzeige erstattet.
Ein Grund dafür könnte sein, dass nach aktuellem Schweizer Recht eine Frau nicht nur glaubhaft machen muss, dass sie mit der sexuellen Handlung nicht einverstanden war, sondern sie muss auch zeigen können, dass sie versucht hat, sich zu wehren oder erklären, warum sie nicht zum Widerstand fähig war. Übersetzt heisst das: Ein einfaches Nein genügt nicht. Und das, obwohl dies in der Istanbul Konvention vorgeschrieben ist, die seit letztem Jahr auch für die Schweiz gilt. Österreich, Deutschland und Schweden haben ihr Sexualstrafrecht diesbezüglich angepasst. Weil sexuelle Übergriffe oft sogenannte Vier-Augen-Delikte sind, steht oft Aussage gegen Aussage. Die Frau sagt, es war Nötigung, der Mann findet, es wären einvernehmliche Handlungen gewesen. Das Gericht muss entscheiden, wer die Wahrheit sagt. Für den Angeklagten gilt im Zweifelsfall die Unschuldsvermutung. (lia)

Der Verteidiger forderte einen Freispruch, weil ein «zwingend erkennbarer Widerstand» beim Opfer nicht erkennbar gewesen sei. Die Privatklägerin habe nur wenige Minuten, nachdem sie sich kennengelernt haben, eingewilligt, ihn zu küssen. Auch habe sie sich schnell zu Weiterem verleiten lassen. «Was soll ein erheblich angetrunkener und sexuell erregter Mann von einem solchen Sachverhalt halten?», fragte er das Gericht. Die Klägerin hätte auch im Hinterhof noch weglaufen können, meinte er.

Dem entgegnete die Staatsanwältin: Unter den gegebenen Umständen – grosse Altersdifferenz, ihre Unerfahrenheit, die örtliche Situation – hätte man es der jungen Frau nicht zumuten können, sich mehr zur Wehr zu setzen. Das Gericht folgte in weiten Teilen den Forderungen der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Influencer zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten unter Ansetzung einer zweijährigen Probezeit. Sexuelle Nötigung kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren bestraft werden. Der jungen Frau muss er eine Genugtuung von 2000 und Anwaltskosten von 6000 Franken zahlen.

Erstellt: 07.11.2019, 19:02 Uhr

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