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«Germanophilie» im Elysée-Palast

Förderung der Exportwirtschaft, mehr Berufslehren und weniger Macht für den Staatschef: Frankreich orientiert sich zunehmend am deutschen Vorbild. Ohne es zu sagen, bien sûr.

Auch Franzosen, die in der Schule kein Wort Deutsch gelernt haben, verstehen die neuste Volkswagen-Werbung: «Das Auto», lautet der lapidare Slogan des neuen VW Golf in Frankreich. Das deutsche Wort bürgt offensichtlich eher für Qualität als die französische Entsprechung «la voiture». Im Land des Savoir-vivre sind deutsche Tugenden derzeit Trumpf. Berufslehre, Mitbestimmung, Proporzwahl und Exportförderung sind en vogue. Das politische Leitgestirn in Paris ist der ehemalige Reformkanzler Gerhard Schröder – auch wenn dieser kein gutes Haar an François Hollande lässt: «Die Wahlversprechen des französischen Präsidenten werden bald an der Mauer der ökonomischen Realitäten zerschellen», meinte der Politrentner der SPD unlängst deutsch und deutlich. Staatschef Hollande und seine RotGrün-Koalition haben nun aber diese Woche Wirtschaftsmassnahmen ergriffen. In der linken Wählerschaft lösen sie einiges Murren aus; in Berlin werden sie jedoch begrüsst. Grundlage bietet ein Bericht des früheren Airbus-Vorstehers Louis Gallois, der die deutsche Exportwirtschaft bis ins Detail kennt und Frankreich ebenfalls einen «Wettbewerbsschock» verpassen will, damit französische Produkte international wieder konkurrenzfähig werden. Hollande senkt deshalb die Unternehmenssteuern um 20 Milliarden Euro. Zur Kompensation für den Staatshaushalt erhöht er die Mehrwertsteuer von 19,6 auf 20 Prozent. Das gleiche Vorgehen hatte Schröder schon vor knapp einem Jahrzehnt gewählt. Der heutige Exporterfolg des «made in Germany» beruht zum Teil auch darauf. Dass mit Hollande ein französischer Sozialist dieser Politik nacheifert, ist durchaus bemerkenswert: Der Präsident hatte den Wirtschaftskurs Berlins bisher stets als unsozial und kleinkrämerisch kritisiert. Dasselbe galt auch für die französischen Rechte: Die ehemalige Wirtschaftsministerin der bürgerlichen Sarkozy-Regierung, Christine Lagarde, rüffelte Deutschland noch vor zwei Jahren, weil es auf die Löhne drücke und seine Exportwirtschaft über Gebühr antreibe, wodurch die Südländer in der EU ökonomisch abgehängt würden. Heute empfiehlt Lagarde als Chefin des Internationalen Währungsfonds den Franzosen genau das deutsche Rezept, nämlich die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit mit allen Mitteln. Halbe Million mehr Berufslehren Hollande übernimmt von Gallois noch weitere Empfehlungen deutscher Prägung. Mit neuen Ausschreibungsregeln für öffentliche Aufträge fördert er gezielt die Klein- und Mittelunternehmen, die jenseits des Rheins die Grundlage der Exportwirtschaft bilden. Ausserdem dehnt er die Berufslehre auf eine halbe Million Schüler aus – im Bewusstsein, dass Deutschland auch deshalb eine nur halb so hohe Jugendarbeitslosigkeit wie Frankreich hat. Eine weitere Massnahme von grosser Tragweite findet wenig Beachtung, obwohl sie in Frankreich die ganze Sozialpartnerschaft umwälzen dürfte: Premierminister Jean-Marc Ayrault will den Personalvertretern in den Verwaltungsräten von Grossfirmen einen Viertel oder zum Teil sogar einen Drittel Sitze einräumen. Vorbild ist das deutsche Mitbestimmungsmodell. Ayrault, ein ehemaliger Deutschlehrer, will damit die Gewerkschaften stärker in die betrieblichen Entscheidungsprozesse einbinden. Wenn sie das Spiel mitspielen und innerbetrieblich Verantwortung übernehmen, könnte dies langfristig die ganze Streikkultur Frankreichs über den Haufen werfen. Frankreich-Liebhaber fragen sich bereits: Werden unter dem Eiffelturm bald keine Pflastersteine mehr geworfen, sondern Tarifverhandlungen geführt? Der klammheimliche Anfall von «germanophilie», wie Franzosen sagen, betrifft aber nicht nur die Wirtschaftsabläufe. Gestern präsentierte der ehemalige – und sehr protestantische – Premierminister Lionel Jospin im Namen seiner Kommission Vorschläge, um das politische Leben Frankreichs zu «moralisieren». Allein schon dieser Ausdruck passt schlecht zum Pariser Polittheater, wo es zwar weniger seriös zugeht als im Berliner Bundestag, dafür aber auch bedeutend lebendiger. Jospin will das in Deutschland bewährte Proporzsystem teilweise auf die französische Nationalversammlung übertragen. Und gleichzeitig will er die Amtsimmunität des Staatschefs beschränken. Seine Allmacht wird damit geschmälert. Regiert im Elysée-Palast bald nur noch ein biederer Kanzler?

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