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Geschichten aus dem Kosovo

Kino Balkan aktuell: Die Kurzfilmtage zeigten vier Dokufilme vom kosovarischen Dokufest Prizren. Die Beiträge thematisieren die schwierige Vergangenheit und die vielschichtige Gegenwart des jungen Staates.

Ein ehrwürdiges Schulgebäude. Hallendes Treppenhaus, hohe Flure, in den Klassenzimmern alte Möbel. Die Kamera in «Lost Shoes» von Shota Bu­koshi geht nah an einen gusseisernen Garderobenhaken heran, als stünde man selbst davor. Mit dem Läuten der Schulglocke gehen die Türen zu den Klassenzimmern auf, lautes Stimmengewirr, Stühlerücken – aber niemand kommt auf den Flur heraus, kein Kind ist zu sehen. Das ganze Schulhaus ist leer, nur vom Klang der Erinnerungen erfüllt. Es sind Erinnerungen, die einer ganzen Generation junger Kosovaren fehlen. «Ich habe nie ein Schulhaus betreten», sagt einer von ihnen, er ist im Jahr 1977 geboren. Die Jugendlichen konnten unter der serbischen Okkupation bis zum Kriegsausbruch im Jahr 1999 keine staatlichen Schulen besuchen und gingen stattdessen in sogenannte Hausschulen. Der Weg dorthin war häufig weit, führte an serbischen Kontrollposten vorbei, die Schulen selbst waren improvisiert. «Wir gingen damals davon aus, dass das Leben immer so sein würde.» Heute leben die jungen Leute in anderen Verhältnissen. Doch wenn man ihnen zuschaut, scheint es, als könnten sie nicht aufhören, ihre Jugend nachzuholen. Szenenwechsel. In «Whose Flag Is It?» von Baris Karamuço fragt die Kindergärtnerin: «Wie viel Sterne sind auf unserer Flagge?» «Fünf!», krähen die Kinder. «Zählt noch einmal» – «Drei, vier, fünf, sechs!» Schnitt. Im nächsten Bild sagen Passanten von Prizren, was sie von der kosovarischen Flagge halten, die nun vier Jahre alt ist. Ein junger Mann sagt erregt: «Blau und Gelb, dazu die Sterne, das ist alles europäischer Einfluss! Da fehlt Rot!» Dazu ein Mädchen: «Sechs Sterne sind drauf und vereinen die sechs Ethnien, die im Kosovo leben. Eine Volksabstimmung hätte es gebraucht, aber schlecht ist die Flagge nicht. Und: Wir haben eine Flagge!» Charmant und leichtfüssig inszeniert Karamuço das Leben mit dem problematischen Thema. Irgendwie ist nicht mal ganz klar, woher die Komik eigentlich kommt, das macht den Film regelrecht zauberhaft. Bilder eines Aufbruchs Nach der Vorführung stellt sich Karamuço den Fragen des Publikums. Was halte er selber von der Flagge? Dazu falle ihm jetzt nichts ein, sagt er und sucht nach Worten. Übrigens seien ihm Flaggen egal, sie seien lediglich Symbole. Neben ihm sitzen zwei weitere Regisseurinnen des Abends, Shota Buko- shi («Lost Shoes») und Dija Krasniqi («One Lucky Day»), sowie der Direktor des Dokufests, Eroll Bilibani. Nur Srdjan Slavkovic, Regisseur von «Pristina–Belgrade», ist nicht anwesend. Das Dokufest, das alljährlich in Prizren stattfindet, hat alle vier Beiträge produziert. Die Filme verbindet eine ästhetische Feinheit, die frei von Manierismus ist. Und alle zeigen sie den Blick in eine prekäre Vergangenheit, von der die Jugend der jungen Regisseure geprägt ist. Die Filme sind Annäherungen an das Gefühl von verpasstem Leben, Ausbeutung und Not, aber auch an die Liebe und Sympathie für den Kosovo. Der junge Staat, der in diesen Tagen an seiner Identität arbeitet, ist ein Ort voll tragischer Erinnerung und nach wie vor problematischer Zustände, aber auch voll spannender Aufbrüche.

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