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Geschichten aus der Kloake der Stadt

Hell kämpft gegen Dunkel, Oben gegen Unten: Der Schotte William McIlvanney (78) gilt als radikaler Erneuerer des britischen Krimis. Seine sozialkritische «Glasgower ­Trilogie» liegt nun in einer neuen Übersetzung vor.

Totgesagte leben länger. Ein Sprichwort, das umgehend auf den Schrotthaufen der Klischees gehörte, steckte darin nicht jenes besondere Gramm Wahrheit, das gerade im weiten Feld der Kri­minalliteratur oft zum Tragen kommt. Denn immer wieder spült es per Zufall einst gefeierte und dann vergessene Krimigrössen Jahrzehnte später glorios wieder an die Oberfläche. So auch den schottischen, 1936 in Kilmarnock geborenen Krimischreiber William McIlvanney, den Begründer des sogenannten Tartan Noir – einer besonderen Spielart des neueren britischen Kriminalromans. Der Tartan Noir erblühte finster-funkelnd in den späten Siebzigerjahren – in den Gossen und aus dem Dreck der englischsprachigen Metropolen, indem er das Urbane samt seinem steten Fressen und Gefressenwerden neu ins Zentrum rückte. Ohne William McIlvanney wären die Romane von Schottlands Krimiexportschlagern von Ian Rankin oder Val McDermid wohl nicht denkbar. Inzwischen liegen zwei Bände seiner fabelhaften, in den späten Siebzigern entstandenen Glasgower Trilogie um den passionierten Schwarzseher Jack Laidlaw in einer feinen Neuübersetzung von Conny Lösch vor. Band drei, «Falsche Treue», erscheint im Herbst. Sarkastisches Klima McIlvanneys Genrestücke spielen in jener Parallel- oder Unterwelt, in der die Tagesgeschäfte in einer anderen, ungleich härteren, weil blutigen Währung getätigt werden. Zudem frönt der philo­sophische Existenzialist einem chandleresken Erzählton, der ­seine Geschichten in ein sarkas­tisches Klima taucht. Es sind grandiose Schuld-und-Sühne-Romane – verdichtet zu klassischem Hardboiled. McIlvanneys Sozialstudien spielen in einem oberirdischen, von «urbanen Beduinen» bevölkerten Hades, es sind Spaziergänge durch die zerwühlte schottische Seele. Der erste «Laidlaw»-Fall nimmt seinen Ausgang bei einer Frauenleiche, die im Glasgower Kelvingrove Park gefunden wird – und Kommissar Jack Laidlaw in die Kloake der Stadt führt. Als Bud Lawson, der Vater des Opfers, seinen ganz eigenen Rachefeldzug gegen unbekannt beginnt, sieht sich Laidlaw urplötzlich an zwei Fronten agieren: gegen Lawson und all jene, die von dem mächtigen Gangsterboss John Rhodes ins Rennen geschickt werden, um sich den Skalp des Mörders als Erste zu holen. Radikaler Erneuerer McIlvanney zoomt sich mit seinen Sätzen in die viel zu engen Wohnungen der kleinen Leute, macht uns ihr stetes Sichanstemmen gegen Niederlage und Verlust fühlbar. Und wenn sich im zweiten Fall die beiden Tode eines stadtbekannten Penners und eines Verbrechers aus dem mittleren Segment kreuzen, so illus­triert dies nur eindrucksvoll, wie eng das eine mit dem anderen verzahnt ist. Denn die Besetzung in dieser zweiten schwarzen Glasgow-Oper ist wieder dieselbe: Hell kämpft gegen Dunkel, Oben gegen Unten. Nicht nur soziales Feldstudium Wahlöö dereinst für den skandinavischen Krimi bedeutete – oder Jean-Patrick Manchette für den französischen –, das repräsentiert William McIlvanney für den britischen: einen radikalen Erneuerer. Dass er nicht nur soziales Feldstudium betreibt, sondern Sätze schreibt, die den Kopf in einen schwülen Kinosaal verwandeln, macht diesen Autor so un­widerstehlich. Einmal heisst es in «Die Suche nach Tony Veitch»: «Als sie raus auf die Strasse traten, blickte Harkness in einen Himmel so schwarz wie eine Mülltonne.» Von der ganz speziellen Schwärze dieser «Mülltonne» erzählen William McIlvanneys grossartige ­Romane.

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