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Geschiedene wählen SVP

bern. Die Polparteien SVP und SP punkten bei geschiedenen Wählerinnen und Wählern überdurchschnittlich stark. Lassen sich SVP- und SP-Anhänger also eher scheiden? Oder führt die Trennung als einschneidendes Ereignis zu radikaleren politischen Ansichten?

Wer die Chancen für eine lange und glückliche Ehe erhöhen will, der sollte SVP- und SP-Wähler als Partner meiden: Diese Schlussfolgerung legen bisher kaum beachtete Zahlen aus der im Mai publizierten Selects-Studie zu den Eidgenössischen Wahlen 2011 nahe. Demnach wählen Geschiedene überdurchschnittlich häufig SVP und SP: 34 Prozent aller Geschiedenen und ­Getrennten votierten für die SVP, in der Gesamtbevölkerung waren es «nur» knapp 27 Prozent. Die SP wusste 27 Prozent der Geschiedenen hinter sich, in der Gesamtbevölkerung waren es knapp 19 Prozent. Demge­gen­über scheinen freisinnige Ehen glücklich zu verlaufen. Und für die CVP-Wähler gilt offenbar noch immer das traditionelle Ehe-Motto «… bis dass der Tod euch scheidet». Die Zürcher CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer wundert sich allerdings etwas darüber, dass ihre Partei bei Geschiedenen kaum punkten kann: «Die CVP setzt sich für eine Entlastung von Personen mit Kindern ein. Welchen Zivilstand diese Personen haben, spielt kaum eine Rolle.»

Kurze Ehen in Basel

Über Ursachen solcher Unterschiede zwischen den Parteien lässt sich nur spekulieren: Vielleicht sind konsensorientierte Anhänger der politischen Mitte privat umgänglicher und mehr auf Ausgleich bedacht. Selects-Autor Georg Lutz schmunzelt ob solcher Interpretationen. In Bezug auf die SVP sind ihm die Resultate ein Rätsel. «Dass sich linke, urbane Ehepaare eher trennen, kann ich mir hingegen gut vorstellen», sagt er. «Da bei diesen Paaren oft beide arbeiten, ist der wirtschaftliche Druck zur Aufrechterhaltung der Ehe kleiner.» Tatsächlich zeigen Zahlen des Bundesamtes für Statistik, dass im urbanen und links dominierten Kanton Basel-Stadt Ehen am schnellsten geschieden werden. 12 Jahre ist die durchschnittliche Ehedauer bei der Scheidung, im Kanton Zürich sind es 13,3 Jahre, in der Gesamtschweiz 14,5 und in Obwalden gar 18,3 Jahre.

Denkbar ist auch, dass Geschiedene erst mit der Trennung beginnen, verstärkt SVP und SP zu wählen. «Er­staunen würde mich das nicht», sagt Marieke Voorpostel vom Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (Fors). «Eine Scheidung ist ein einschneidendes Ereignis. Gut möglich, dass das auch die politische Einstellung verändert.» Voorpostel hat in einer Studie her­ausgefunden, dass geschiedene Frau­en sich politisch weniger beteiligen.

Armutsrisiko Scheidung

Lutz sagt, dass eine Tendenz nach links gut zu erklären sei. «Eine Scheidung ist noch immer ein Armutsrisiko, viele sind plötzlich auf den Sozialstaat angewiesen.» Das starke Abschneiden der SVP könne er sich aber nicht erklären. «Zumal die Partei sich für ein traditionelles Familienmodell einsetzt.» Genau das lässt Silvia Bär, stellvertretende Generalsekretärin der SVP, allerdings nicht gelten. Auch sie ist zwar erstaunt, dass so viele Geschiedene SVP wählen. «Aber wir sind eine familienpolitisch offene Partei. Jeder und jede soll so ­leben, wie es ihm oder ihr passt.» Vielleicht sei dieses liberale Verständnis für Geschiedene attraktiv.

Wichtiger aber sei wohl, dass die SVP unter älteren Männern beliebt sei, sagt Bär. Und diese seien eben oft geschieden. «Umgekehrt sind die älteren Frauen viel häufiger verwitwet als die Männer, da sie sie überleben.» Tatsächlich wählt von den verwitweten Personen nur jeder Vierte die SVP. Vorstellen kann sich Bär auch, dass Frauen, die eine schmerzliche Trennung von einem ausländischen Mann hinter sich haben, oft SVP wählen.

Die SVP-Generalsekretärin sagt aber auch, man dürfe die Selects-Zahlen nicht überbewerten. Davor warnt selbst Lutz. «Die Fallzahlen sind oft klein.» Zudem habe die SVP bei den Wahlen 2007 bei Geschiedenen noch nicht besonders gut abgeschnitten. Sind die neuen Resultate zur SVP also reiner Zufall? Lutz sagt, die Zahl der Befragten sei im konkreten Fall doch relativ gross. Schaden kann es also kaum, wenn man vor der Hochzeit seinen Partner etwas genauer unter die Lupe nimmt – was natürlich nicht nur im Bezug auf die politische Einstellung gilt.

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