Zum Hauptinhalt springen

Gestein soll reissen, aber nicht zu stark

Beim Geothermieprojekt Etzwilen sollen die Fehler des Basler Projekts nicht wiederholt werden: Eine Störungszone wird gemieden, und es sollen nur kleine Erdbeben provoziert werden.

Das harte Gestein, das rund 4500 Meter unter dem Stammerberg liegt, ist zwar von Natur aus mit Rissen durchzogen. Es sind aber zu wenig und zu schmale Risse, als dass Wasser durch das heisse Gestein zirkulieren und sich aufheizen könnte. Doch genau das ist die Voraussetzung, um die Wärme in der Erdkruste zur Stromgewinnung nutzen zu können: In einem Geothermiekraftwerk, wie eines beim Bahnhof Etzwilen geplant ist (siehe Bild), wird Wasser über ein Bohrloch in die Tiefe geleitet. Es strömt durch die Hohlräume im Gestein und erwärmt sich an den zwischen 150 und 200 Grad heissen Bruchflächen. Dann strömt es über ein zweites Loch zurück an die Oberfläche, wo die dem Untergrund entzogene Erdwärme über eine Dampfturbine in elektrischen Strom umgewandelt wird.

Ziel: Erdbeben im Griff haben

Um solche Hohlräume zu schaffen, wird Wasser mit sehr hohem Druck in die natürlich vorhandenen Risse gepresst. Doch die Erhöhung der Durchlässigkeit des Gesteins durch Öffnung der Risse zu Felsspalten hat ihren Preis: Erschütterungen. Denn das eingepresste Wasser macht die Risse instabil, Spannungen im Gestein bauen sich plötzlich ab. Und je grösser die Bruchfläche ist, auf der sich diese Spannungen entladen, desto stärker ist das künstliche Erdbeben. Die «Krux der induzierten Seismizität», so Geologe Nicolas Deichmann, sei das eingepresste Wasser zur Öffnung der Risse. Die Kunst bestehe darin, genug, aber nicht zu viel Druck auf das bereits unter Spannung stehende Gestein auszuüben.Deichmann war einer der Fachleute, die am Donnerstag an der Infoveranstaltung in Oberstammheim referierten. Organisiert wurde sie von der Geo-Ener­gie­­ Suisse AG, die das Geothermiekraftwerk in Etzwilen bauen will. Das Kraftwerk soll Strom für bis zu 6000 Haushalte liefern und zwischen 80 und 100 Millionen Franken kosten.«Geothermie hat etwas mit Erdbeben zu tun», sagte auch Stefan Baisch, der für das Etzwiler Pilotprojekt die seismische Risikobewertung vornimmt. Um das sonst zu dichte Gestein für das Wasser durchlässig zu machen, brauche es den Prozess der Erdbeben. Doch anders als bei dem 2010 eingestellten Basler Projekt sollen die vier Quadratkilometer grossen Bruchflächen nicht auf einmal, sondern in mehreren Einzelschritten geschaffen werden.

Störungszone ausweichen

Aufgrund des Verlaufs der angepeilten Risse wird die zuerst senkrechte Bohrung zuunterst in die Horizontale umgelenkt – nicht nach Norden, sondern Richtung Südwesten unter den Stammerberg. Dies, weil nördlich von Etz­wilen eine bekannte geologische Störungszone verläuft, wo sich Spannungen aufbauen und entladen. Wie in Basel geschehen, könnte das Einpressen von Wasser dort ein Erdbeben auslösen. Weil das geplante Geothermiekraftwerk im thurgauischen Etzwilen stehen, die Bohrung aber bis unter Zürcher Boden reichen würde, müssen beide Kantone das Kraftwerk bewilligen respektive die Konzession dafür erteilen. Ein besonders heikler Punkt ist dabei die Frage, wer im Schadenfall haftet beziehungsweise wer die Beweislast zu tragen hat (siehe Kasten). Die Geologen und Ingenieure haben gerechnet, Modelle erstellt und das schlimmstmögliche Schadenszenario für das Etzwiler Projekt skizziert: Erdbeben mit Magnitude 3 und dadurch Schäden an Gebäuden von maximal 250?000 Franken im Umkreis von 4,5 Kilometern. Ein Netz von seismischen Messstationen soll die Arbeiten im Untergrund überwachen, wobei diese bei einer Magnitude 2 sofort gestoppt würden. Das Grundwasser im Stam­mertal und vor allem die Quellen auf dem Stammerberg sehen die Experten durch das Geothermieprojekt in Etzwilen nicht in Gefahr. Dennoch soll die Qualität und die Menge des Trinkwassers bei den Quell- und Grundwasserfassungen überwacht werden («Landbote» vom 18. Februar). Das Etzwiler Vorhaben ist allerdings ein Pilotprojekt, das somit auch Versuchscharakter hat.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch