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Gewitter im Kopf – richtig behandelt nicht gefährlich

So erschreckend die Krankheit wirken mag: Epilepsie ist heute meist gut behandelbar. Doch Betroffene müssen regelmässig Medikamente schlucken und dürfen nicht über die Stränge hauen.

Es ist ein äusserst erschreckender Anblick: Jemand verliert plötzlich das Bewusstsein und fällt zu Boden. Die Muskeln verkrampfen sich, sämtliche Glieder zucken unkontrolliert. Schäumender Speichel kann vor den Mund treten, und manchmal kommt es gar zu Urin- oder Stuhlabgang. Danach fällt die Person in einen tiefen Schlaf. So stellt man sich Epilepsie gemeinhin vor. Doch der beschriebene grosse Anfall oder Grand-Mal-Anfall, wie er in der Fachsprache genannt wird, in seiner vollständigen Ausprägung ist eine eher seltene Form unter den zahlreichen Arten epileptischer Anfälle. Meist äussert sich die Krankheit weniger dramatisch. So können zum Beispiel Zuckungen auftreten, die sich auf eine Körperregion beschränken. Bei diesen sogenannten fokalen Anfällen ist vielleicht nur ein Arm betroffen, der Schultergürtel oder sogar nur ein einziger Finger. Manchmal äussert sich die Störung auch durch Sym­pto­me wie Taubheitsgefühl oder Kribbeln ­ an bestimmten Körperstellen. Das Bewusstsein ist auch bei lokalisierten Anfällen meist für eine kurze Zeit getrübt. Anfälle können lokal beginnen und sich danach schnell auf den ganzen Körper ausweiten, bis zu einer generalisierten Form wie einem Grand Mal. Bei Kindern sind kurze Absen­zen besonders häufig. Sie sind für einige Minuten nicht ­ansprechbar, wirken verwirrt und können sich danach an nichts ­erinnern. Möglichst schnell abklären lassen Trotz unterschiedlichstem Erscheinungsbild liegt der Krankheit eine gemeinsame Ursache zugrunde: Es handelt sich um eine Art Funktionsstörung der Hirnzellen, ähnlich der elektrischen Entladung bei einem ­Gewitter. Dies kann in isolierten Teilen des Gehirns auftreten oder sich auf grössere Regionen ausbreiten. Die Vorgänge können mittels diagnostischer Verfahren nachgewiesen werden. Dabei kommt vor allem das Elektro­enzephalogramm (EEG) zum Zug. Das Gerät registriert die Akti­vität der Gehirnzellen über Elektroden, die auf der Kopfhaut angebracht werden. «Bei einem verdächtigen Ereignis ist es wichtig, die Untersuchung möglichst bald danach durchzuführen», sagt die Zürcher Neurologin Anna ­Marie Hew. Denn zwei Wochen später sei ein Anfall möglicherweise nicht mehr nachweisbar. Genauere Hinweise auf das Gesche­hen im Hirn liefern heutzutage auch bildgebende Verfahren wie etwa das MRI (Magnet­resonanztomografie). Mit den neuen diagnostischen Methoden werden immer mehr Krankheitsfälle besser verständlich. Denn praktisch jede Erkrankung, Verletzung oder Vergiftung des Gehirns kann zu epileptischen Anfällen führen. Sie treten häufig im Zusammenhang mit mehrfachen körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen auf. Zu einma­ligen Ereignissen kann es zum Beispiel unter Drogeneinfluss oder -entzug kommen. Auch Faktoren wie Schlafmangel, extreme körperliche Anstrengung, Unterzuckerung bei Diabetikern oder Flimmerlicht wie Stroboskop ­ in einem Tanzlokal können bei ansonsten gesunden Menschen einen Epianfall auslösen. Bei etwa der Hälfte aller Epilepsien bleibt jedoch die Ursache unklar. Man geht davon aus, dass vererbbare Faktoren bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen eine Rolle spielen. Vor allem Grand-Mal-Anfälle würden auf eine genetische Voraussetzung hindeuten, erklärt Anna Marie Hew, die sich im Vorstand der Schweizerischen Liga gegen Epilepsie engagiert. Bei erworbenen Hirnverletzungen seien fokale Formen häufiger. Regelmässig gestalteter Alltag ist wichtig Mit Medikamenten kann heut­zutage vielen Betroffenen geholfen werden. Rund zwei Drittel sind bei regelmässiger Einnahme anfallsfrei. Bei gewissen Formen sind zudem operative Eingriffe ­ im Gehirn erfolgreich. Voraussetzung ist, dass der Entstehungsherd genau lokalisiert werden kann und die betreffende Stelle chirurgisch gut zugänglich ist. Trotz erfolgreicher Behandlungsformen ist die Eigenverant­wortung der Epilepsiekranken eine wichtige Voraussetzung: ein regel­mässig gestalteter Alltag, genü­gend Schlaf, kein Alkohol oder andere Drogen. Eine relativ gute Prognose haben kindliche Epilepsieformen. Nicht selten wach­sen sie sich in der Pubertät vollständig aus. Anna Marie Hew findet es in jedem Fall wichtig, Epilepsien zu erkennen und zu behandeln. Gerade bei Kindern sei es manchmal schwierig ein­zuschätzen, ob es sich um eine Tagträumerei oder eine Absenz im Rahmen einer epileptischen Erkrankung handle. Unbehandelte leben gefährlich Wenn ein Anfall auf der Strasse oder beim Baden auftritt, kann es zu gefährlichen Si­tua­tio­nen kommen. Anfälle mit Stürzen sollten dagegen von Kreislaufzusam­men­brüchen unterschieden und gefähr­liche Herzprobleme aus­geschlossen werden. «Weil viele die Diagnose wegen diffuser Vorurteile scheuen, wird die Krankheit häufig nicht rechtzeitig entdeckt», bedauert die Neurologin. Zudem wollen manche Eltern ihren Kindern die Einnahme von Medikamenten ersparen, macht sie die Erfahrung. Dies findet sie fahrlässig, denn heutzutage seien die Behandlungsmöglichkeiten gut.

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