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Gib Gummi, Gummi, Gummi!

Wörthersee. Getunte Boliden, feuchtfröhliche Partys und grosses Schaulaufen des Volkswagen-Konzerns: Bereits zum 32. Mal fand am österreichischen Wörthersee das GTI-Treffen statt.

So ein VW-Golf-Cabrio der ersten Generation, berühmt geworden etwa durch Sascha Hehn in der Serie «Schwarzwaldklinik», ist ja nun nicht ein besonders wertvolles Sammlerstück. Doch der junge Mann reibt liebevoll, nein: mit Inbrunst das winzige Spezial-Lenkrad mit einer Ledercreme ein. Wieder und wieder. Auf den Teppichen, «Wolfsburg-Edition» mit Wappen: kein Stäubchen. Das Auto selber verfügt über einen strahlend weissen Lack, das Stoffdach, eine der Schwachstellen des sogenannten «Erdbeer-Körbchens», ist wie neu. Fette Leichtmetallfelgen verstehen sich von selbst, breitere Reifen ebenfalls.

Wie viel Arbeit steckt denn in diesem Schmuckstück? «Ach», sagt der stolze Besitzer mit einem breiten Lächeln, «ich bin seit drei Jahren ständig dran. Immer, wenn ich wieder etwas Geld gespart habe, dann investiere ich das sofort.» Aber für das viele Geld und den grossen Aufwand könnte er sich doch auch einen Neuwagen leisten? «Ich weiss schon, aber ich will das gar nicht. Das ist mein Baby, dieses Auto ist absolut einzigartig. Und dazu noch vollkommen alltagstauglich.»

150 000 GTI-Fans am Treffen

Der junge Mann ist einer von den mindestens 150 000 Autofans, die das Wochenende am österreichischen Wörthersee verbringen. Er ist Mitglied des VW-Clubs Aargau und im Gegensatz zu seinen Klubkollegen erst am Mittwoch nach Kärnten gereist; andere Fans sind schon seit 10 Tagen vor Ort. Unter Insidern wird der eigentliche Anlass im Dörfchen Reifnitz, wo vor 32 Jahren alles begann, gerne gemieden. Zu viel Kommerz, heisst es, zu grosser Einfluss des VW-Konzerns, zu viele Betrunkene. Ein paar echte Fans sind dann aber doch da, man kennt sich halt, man trifft sich, und das eine und auch andere Bierchen darf ja dann schon sein, ganz besonders, wenn das Wetter auch noch mitspielt.

Der Volkswagen Golf GTI hob 1976 ab, wurde schnell zum Inbegriff des kompakten Sportwagens und ist heute eine Legende. Das erste GTI-Treffen am Wörthersee fand 1982 statt und war eine Erfindung von Erwin Neuwirth, der in Reifnitz eine Bar führte und in erster Linie ein paar zusätzliche Kunden in der Vorsaison anlocken wollte. Es heisst, dass die erste Ausgabe von etwa 100 Golf-Fahrern besucht wurde. Doch Neuwirth war umtriebig, er konnte 1983 den Konstrukteur Ernst Fiala als Redner gewinnen, 1985 plauderte Niki Lauda aus dem Nähkästchen.

Krawalle sind Vergangenheit

In jenen Jahren wuchs das GTI-Treffen über alle Massen, Anfang der 1990er-Jahre übernahm der österreichische VW-Importeur die Organisation, doch es kam zu Ausschreitungen, Massenbesäufnissen, Krawallen. 1993 wurde die Veranstaltung abgesagt – doch es kamen mehr Teilnehmer als je zuvor, die Exzesse wurden noch schlimmer, inklusive Rennen auf öffentlichen Strassen. Ab 1996 übernahm der Volkswagen-Konzern selber das Zepter. Und genau dieser heftige Einfluss aus Wolfsburg wird von vielen GTI-Freaks nicht besonders geschätzt. Über die Jahre entwickelte sich deshalb eine Schattenkultur, die nach Aussagen von Insidern heute sogar grösser ist als das eigent- liche Fest in Reifnitz.

Egal, die grosse Show auf den Strassen und Gassen von Reifnitz ist trotzdem gut. Maximal 5000 Fahrzeugen ist die Zufahrt erlaubt, es gibt Heerscharen von Ausstellern und Verkaufsständen, am Strassenrand sind Hunderte von Autos geparkt – die echten GTI sind allerdings in der Unterzahl. Dafür gibts alle Modelle und Jahrgänge von VW-Modellen zu sehen, aber auch Seat, Skoda und Audi. Praktisch alle sind irgendwie «gepimpt», der letzte Schrei sind riesige Felgen von «Fremdmarken», etwa ein Audi A4 mit sündhaft teuren Ferrari-Felgen. Im Schritttempo zuckeln die wildesten Kisten durchs Dorf, je lauter, desto besser. Der Lärm kommt entweder aus den Auspuffrohren – oder aus gewaltigen Hi-Fi-Anlagen. Es wird so ziemlich jedes Klischee bedient; die Beifahrerin ist zumeist blond, der Bubi am Steuer bis auf die Zähne tätowiert, Muskelshirts und die kleine Schwester der Miniröcke scheinen Pflicht, und schon am Vormittag gibt es die ersten Betrunkenen zu bestaunen. Einer der Höhepunkte: der Gummiplatz. Dort werden – zumeist von Profis – Reifen zerstört. Burnouts, bis der Gummi platzt. Das Volk klatscht begeistert, die schlimmsten Buben sind die grössten Helden. Doch es gibt auch die ganz ruhigen Plätzchen. Unter Bäumen wird friedlich grilliert, man sitzt zusammen, plaudert über Lachgas-Einspritzung und teilt die Adressen der guten Tuner. Wie bei einem guten Fantreffen halt.

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