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Glaubenskrieg um die Sexualkunde

Heute diskutiert der Nationalrat eine schwierig fassbare Volksinitiative: Sie wendet sich gegen die «Sexualisierung» in Kindergarten und Primarschule, die es laut den Verantwortlichen gar nicht gibt. Skurril ist ihre Vorgeschichte.

Am Anfang stand die «Sex-Box» der Basler Schulen. Oder genauer gesagt der Medienwirbel, der um diese veranstaltet wurde. Das war 2011. Allen voran die «Blick»-Medien erweckten den Eindruck, in Basel werde schon im Kindergarten regelmässiger Sexualkundeunterricht eingeführt. «Schon Vierjährige sollen sich mit Lust und Liebe beschäftigen», meldete der «Blick» und berichtete genüsslich von Plüschvaginas, Holzpenissen und «Videos, die keinen Zweifel lassen».

Beteuerungen halfen nichts

Für Rummel war gesorgt. Der Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann erhielt 3000 Protestbriefe und -karten, «die meisten davon vorgedruckt», wie er sagte. Es spielte keine Rolle mehr, dass Eymann betonte, systematischer Sexualkundeunterricht finde erst auf der Oberstufe statt. Auch Kollegen aus anderen Kantonen beteuerten, in Kindergarten und Primarschule finde Sexualkunde nur «reaktiv» statt: wenn Kinder von sich aus Fragen stellten. Zum Beispiel, wenn die Kindergärtnerin schwanger ist, ein Kind ein Geschwister bekommt oder ein Kondom findet. Implizit gab Eymann im «Blick» aber auch zu, dass man in Basel zu forsch unterwegs war. Die «Sex-Box» wurde umbenannt in «Unterrichtsmaterialien für die Sexualerziehung». Zudem kündigte Eymann an, allzu explizite oder geschmacklose Inhalte entfernen zu lassen. Grundsätzlich aber hielten die Bildungsdirektoren mehrerer Kantone fest, es sei nicht geplant, Sexualkunde im Kindergarten einzuführen. Zudem dürfe man den Lehrpersonen zutrauen, dass sie Sexualkunde stufengerecht unterrichten und keine Plüschvaginas und dergleichen im Kindergarten einsetzen würden. Heute erreicht dieser Disput das Bundeshaus. Noch immer gehen beide Seiten von unterschiedlichen Annahmen aus. Der Nationalrat diskutiert heute über die Initiative «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule». Sie ist eine Folge des Wirbels von 2011, sorgte zuerst aber gleich selber für neuen Wirbel (siehe Kasten). Die Initiative will die Grenzen der Sexualkunde abstecken. Ab dem Kindergarten darf «Prävention von Kindesmissbrauch» betrieben werden, aber zwingend ohne Sexualkunde. Ab dem neunten Altersjahr sind freiwillige Lektionen erlaubt. Im obligatorischen Unterricht hingegen darf nur noch das «Wissen über die menschliche Fortpflanzung und Entwicklung» unterrichtet werden, und zwar ab zwölf Jahren.

Was haben die Kantone vor?

Umstritten sind vor allem zwei Fragen. Erstens: Wollen die Kantone Sexualkunde in Kindergarten und Primarschule einführen? Die Initianten sind davon überzeugt. Bundesrat und Kantone beteuern seit Jahren das Gegenteil. Zweitens: Was sind die Folgen, wenn die Initiative angenommen wird? Laut den Initianten wäre praktisch nur Basel betroffen, ansonsten könne der Sexualkundeunterricht wie bisher stattfinden.

Nur noch freiwillig?

Der Bundesrat widerspricht: Die Initiative werde die Sexualkunde faktisch auch auf der Oberstufe in freiwillige Angebote verbannen. Das wäre aus Sicht der Gegner verhängnisvoll, da gerade Kinder, bei denen man zu Hause nicht über Sexualität spricht, sicher keine freiwilligen Lektionen besuchen dürften. Solche «unaufgeklärten Kinder», warnen auch die Lehrer, seien Sexualstraftätern ausgeliefert. Indes ist umstritten, ob die ungenau formulierte Initiative so strikt wäre, wie sie der Bundesrat skizziert. Es kommt darauf an, wie man zum Beispiel das «Wissen über die menschliche Fortpflanzung und Entwicklung» auslegt. Gehören da Verhütung oder HIV-Prävention noch dazu? Oder ist das schon weitergehende Sexualkunde und somit verboten? Je nachdem wären Pille und Kondom auch auf der Oberstufe nur noch in freiwilligen Lektionen ein Thema.

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