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Glückliches Burgenland

Lange galt Österreichs einwohnermässig kleinstes Bundesland als Mauerblümchen ohne Selbstbewusstsein. Doch die Wende von 1989 und die Besinnung auf die eigenen Stärken haben es zu einem touristischen Juwel gemacht.

Man nehme 70 000 Kilo Weinvergärungsrückstände und 100 000 Kilo Zucker und Wasser, würze sie mit Diethylenglykol, Hirschhornsalz, Pottasche, Apfelsäure, Weinsteinsäure, Milchsäure, Diamoniumphosphat, Bittersalz, Kalisulfat und Glyzerin und verkaufe das Ganze als Weisswein unter dem Namen «Grüner Veltliner». Das ist keiner jener Burgenländer Witze, die in den 1970er- und 1980er-Jahren ihre Hochblüte in Österreich erlebten und auf die Rückständigkeit der dortigen Bevölkerung anspielten, sondern das Rezept eines der bekanntesten Burgenländer Weinhändlers, der dafür am 9. April 1986 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Dass ein Sachverständiger dem Täter vor Gericht bescheinigte, sein Produkt sei nicht gesundheitsschädlich gewesen, mag man eher in die Kategorie der Burgenländer Witze einreihen. Diese ­erklärte Fred Sinowatz, 1983 bis 1986 österreichischer Bundeskanzler und selbst Burgenländer, damit, dass seine Landsleute lange ein geringes Selbstwertgefühl ­gehabt hätten und noch in den 1930er-Jahren ihre Herkunft oft verschämt verschwiegen hätten. Entsprechend sei das Burgenland aus Sicht des übrigen Österreichs «der Osten Europas gewesen, der Steppensee und die ungarische Ebene und Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, ein Land der Dörfer, wo die grosse Stadt fehlt».

Die Beschreibung trifft ausser in einem Punkt heute noch zu, wird aber mittlerweile positiv gewertet. Wozu wohl auch die Tatsache beigetragen hat, dass aus «dem Osten» Europas seit 1989 ein Teil der Mitte des Kontinents geworden ist. Und vom Glykolwein-Skandal heisst es heute in Winzerkreisen, etwas Besseres hätte dem Burgenland nicht widerfahren können. Denn er hat die Branche gezwungen, von ganz unten neue Wege zu beschreiten, die sie schliesslich auf einen Spitzenplatz in Europa geführt haben.

Namenloses Gebiet im Osten

Der gewaltige Imagewandel des Burgenlands vom rückständigen Osten zum Natur- und Ferienparadies lässt sich nur ermessen, wenn man sich kurz die Anfänge vor Augen führt. Jahrhunderte-lang war das Gebiet als «Westungarn» bekannt, was es in geografischer Hinsicht ja auch ist: Der 500 Meter hohe Leitha-Gebirgsrücken bildet den östlichen Abschluss der Alpen und leitet über zur riesigen Pannonischen Tiefebene. Als es 1919 wegen seiner mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung Österreich zugeschlagen wurde, besass es noch nicht einmal einen eigenen Namen. Österreich brachte die Bezeichnung «Vierburgenland» ins Spiel, weil es die vier ungarischen Komitate Wieselburg, Ödenburg, Eisenburg und Pressburg beanspruchte. Doch als 1921 das jüngste Bundesland gebildet wurde, hiess es nur noch «Burgenland»; längst nicht alle Gebietsforderungen waren erfüllt worden. Sogar das als Hauptstadt vorgesehene Ödenburg (Sopron) blieb nach einer Volksabstimmung bei Un­garn. Ab 1925 übernahm Eisenstadt die Rolle als Hauptstadt – mit 7000 Einwohnern. 13 500 sind es heute; keine Gemeinde ist grösser.

Städtisches Leben gibt es also nicht wirklich. Dazu ist das Burgenland mit seinen 290 000 Einwohnern auf knapp 4000 km² zu dünn besiedelt – elfmal geringer als der Kanton Zürich und immer noch dreieinhalbmal geringer als der Thurgau. Dafür besitzt es mit dem Neusiedler See ein 320 km² grosses Becken, das je nach Niederschlag und Verdunstung mehr oder weniger mit Wasser gefüllt ist und durchschnittlich nur 1,5 Meter tief ist. Rund 100 km² davon liegen in Ungarn, und seit 1993 sind in diesem grenzüberschreitenden Gebiet 33 Hektaren als Nationalpark ausgewiesen. Der gesamte Naturraum gehört seit 2001 zum Unesco-Welterbe.

Das hat zum einen mit der aussergewöhnlichen Artenvielfalt zu tun. Pflanzen- und Tier­arten aus alpinen, pannonischen, asiatischen, mediterranen und nordischen Gebieten treffen hier aufeinander. Zum andern ist der westlichste Steppensee Europas eine wichtige Drehscheibe im europäisch-afrikanischen Vogelzug. Mehr als 300 Vogelarten nutzen seinen 180 km² grossen Schilfgürtel als Rast- und Nahrungsplatz, rund die Hälfte davon brütet hier. Für Ornithologen ein Paradies, das sie von umplatzierten Wachttürmen des ehemaligen Eisernen Vorhangs aus betrachten können. Empfehlenswert ist der Besuch des Nationalpark-Informationszentrums in Illmitz.

Prädestiniert für Spezielles

Der See prägt das Nordburgenland aber auch wirtschaftlich: Die riesige Wasserfläche ist ein Wärmespeicher, der die Vegetationsperiode verlängert und viel Luftfeuchtigkeit spendet, was dem Weinbau und der Gemüseproduktion zugutekommt. Und die Burgenländer verstehen es, diese Vorzüge umzusetzen und im Rahmen des Konzepts der Genussregionen zu vermarkten: Jede Region hat ein Leitprodukt, das von der Region selbst kreiert worden ist. 13 Genussregionen sind es insgesamt mit Produkten wie Neusiedler-See-Fische, Seewinkler Gemüse, graues Steppenrind, pannonisches Mangalitza­schwein oder die Leithaberger Edelkirsche. Dafür haben sich Bauern zusammengeschlossen, um ein solches Leitprodukt zu fördern, das bei ihnen aufgrund des Mikroklimas und des Bodens besonders gut gedeiht. Die EU unterstützt das Genussregionen-Projekt im Rahmen ihrer Agrarpolitik und der ländlichen Entwicklung. Ein wichtiger Abnehmer der Produkte ist die Gastronomie, was wie­der­um der touristischen Entwicklung zugutekommt.

Eine Spitzenstellung unter den landestypischen Produkten besetzt der Wein – exemplarisch am Weinkulturhaus Gols und dem dortigen Weinweg zu besichtigen. Auf rund 1300 Hektaren produzieren in Gols 130 Betriebe mehr als zehn verschiedene Weiss- und Rotweinsorten. Glykol ist nicht mehr im Spiel. Geblieben aber ist das, was man hört, wenn man das Unwort ausspricht: Glück für ein Bundesland, das lange Zeit Österreichs Armenhaus war.

Peter Granwehr

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