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Gold am Ende einer Mission

Der Schweizer Iouri Podladtchikov ist am Ziel seiner jahrelangen Träume angelangt: Gold in der Halfpipe, der Königsdisziplin der Freestyler.

Dass die Anspannung immens gewesen sei, hatte Iouri Podladtchikov nie abgeleugnet. Er selbst hatte sich mit deutlichen Ansagen nicht entlastet: «Ich bin nicht irgendwer, ich will Gold.» Er pokerte extrem hoch – und gewann alles. In Nagano entfachte der Bündner Gian Simmen mit seinen Goldflügen eine Schweizer Snowboard-Euphorie, die vorübergehend abflaute – bis Iouri Podladtchikov auftauchte und 16 Jahre später zum zweiten Mal Halfpipe-Gold für die Schweiz holte. Im März 2013 in Tignes führte Podladtchikov den schon fast sagenumwobenen «Yolo» auf – einen derart komplizierten Sprung, der schon beim Beobachter Schwindelgefühle auslöst. Nachdem ihm dieses Kunstwerk erstmals gelungen war, jubelte er wie von Sinnen. Weil er von jenem Moment an wusste: «Mit diesem Trick kann ich Shaun White schlagen.» Und exakt diesen «Cab Double Cork 1440» demonstrierte der 25-Jährige bei seinem letzten Sprung des Olympiatagages. 94,75 Punkte erreichte er. Eine Marke für seine persönliche Ewigkeit. Der Konter von Shaun White blieb aus; der Doppel-Olympiasieger reihte einen Fehler an die nächste Unsicherheit und wurde hinter zwei Japanern Vierter. «Es ist frustrierend, wenn man seinen Game-Plan nicht mehr umsetzen kann», meinte der 27-jährige Amerikaner. Konsequent ohne Ende Nicht still und heimlich, sondern in aller Öffentlichkeit bekannte sich Podladtchikov, der charismatischste Freestyler der Schweiz, zu seiner verwegenen Mission. Und zwar nicht erst ab jenem mutmasslich kursweisenden Tag in Tignes. Den Entschluss, Whites Dominanz auf höchster olympischer Ebene zu stoppen, fasste er viel früher: Am 18. Februar 2010 in Vancouver, in der Stunde seiner bittersten Niederlage. An den letzten Winterspielen hatte Podladtchikov wegen eines Fehlers unmittelbar vor dem letzten Sprung die Bronzemedaille verpasst. «Dumm war das taktisch, sehr, sehr dumm!», ärgerte er sich noch Jahre später. Die damals minimale Differenz von 0,4 Punkten löste bei ihm eine maximale Reaktion aus, die nicht immer bei allen Beteiligten auf Verständnis stiess. Doch der konsequente Gang – manchmal an allen Instanzen vorbei – zahlte sich aus. In Russland, im Land seiner Eltern, kam es nun tatsächlich zum mutmasslich eindrücklichsten Showdown der olympischen Snowboardgeschichte. Podladtchikov, der Aussenseiter, stand White gegenüber, der Ikone, für die in der Halfpipe bis jetzt nur eine Rolle vorgesehen war: die des Dominators, des Unbezwingbaren. Auf Umwegen in den Final Nur das unmittelbare Vorprogramm war dem Zürcher nicht geglückt. Ausgerechnet nach wenigen Metern des Olympiawettkampfes unterlief ihm ein Fehler – im ersten Run nach White, der zunächst nicht den Hauch von Nervosität offenbart und den ersten Akzent des Tages gesetzt hatte. Podladtchikov hatte unerwartet früh eine prekäre Si­tua­tion zu überstehen. Er musste im zweiten Durchgang mit dosiertem Risiko das drohende Ausscheiden abwenden. Mit einem Sicherheitsrun rückte er vom vorletzten Platz auf Position 8. Die Halbfinals verliefen programmgemäss. Mit der Erfahrung des Champions verschaffte sich der Doppel-Weltmeister über Umwege doch noch Zutritt zum «Heimspiel» im Final. Und wie er vor seiner Kulisse, in seinem Event des Lebens – so und nicht anders hatte Podladtchikov die Konstellation für sich immer definiert – die Ruhe bewahrte und alle Erwartungen ausblendete, war ein Meisterstück. Er kniete nach dem entscheidenden Lauf nieder und küsste den Schnee. Obschon noch sechs Rider oben standen, spürte er wohl, dass Magisches auf ihn zukommen würde. «Ich habe trotz meines Fehlers nie befürchtet, hier zu scheitern. Im Gegenteil: Ich kon­zen­trier­te mich nur darauf, wie es weitergehen kann», versicherte der Schweizer Snowboard-Zar in einer ersten Reaktion. Aber er gab natürlich auch zu, dass «der zweite Run wohl die grösste Herausforderung meines Lebens war.» Er habe schon gespürt, wie sich die Lage zugespitzt habe. «Aber schon vor dem Final baute sich etwas auf. Alles wirkte plötzlich leicht und einfach.» Der zweifache Weltmeister fand die richtige Linie in der wegen ständig wechselnder Temperaturen schwierigen und unüblich steilen Pipe und konnte auf den Punkt genau tief in die Trickkiste greifen. «Backside Air», «Cripler», «Backside Double Cork 1260», «Frontside Double Cork Ten», «Yolo Flip» – so lautet der goldene Code im Fachjargon. Aufgewühlt und glücklich blickte er ein paar Stunden später zurück auf seine eigene Heldengeschichte – und erzählte von den Gesprächen mit dem Vater. «Bis tief in die Nacht haben wir uns unterhalten – über alles, über Russland, meine Mission, einfach über alles.» Er habe sich von den Worten inspirieren lassen. «Und es bewahrheitete sich wieder einmal: Er hat immer recht.» Whites Kapitulation Schwere Stürze, phyische Beschwerden, der Rückzug vor der Slopestyle-Premiere – Aussenstehende und Insider hatten schon länger am Formstand Whites gezweifelt. Ein paar Konkurrenten orteten Schwachpunkte und kratzten ganz bewusst öffentlich am Image des Superstars. «Er fährt nicht mehr wie auf Schienen», behauptete Podladtchikovs Privatcoach Marco Bruni, «weil sein Pensum zu gross ist.» Bruni, seit bald 20 Jahren im Snowboard-Business und international respektiert, verfolgte die Turbulenzen um White. Seine Beobachtungen und Schlüsse bewahrheiteten sich. White widerlegte die Zweifel nicht. Der weltweit bekannteste Wintersportler wurde in seinem Kerngeschäft nach einer beispiellosen Ära der Dominanz von der Poleposition verdrängt – und jetzt sogar ganz vom Olympiapodest. Der Mythos White lässt sich finanziell zwar weiterhin vergolden, an den Winterspielen hingegen endete seine Vorherrschaft nach acht Jahren abrupt. «Wünscht mir viel Glück», hatte White auf seinem Twitterkanal verbreitet und dazu ein Bild im Astronautenanzug veröffentlicht. Von der perfekten Umlaufbahn ist er abgekommen. Gestern bezog er seit 2007 die erste Niederlage an einem relevanten Event. Der Stratege, der sich immer wieder in seiner Residenz am Lake Tahoe abgeschottet und sich auf dem Laptop mit den Fortschritten der Gegner beschäftigt hatte, oder in geheimer Mission neue Kunstwerke einstudierte, muss eine Neuprogrammierung vornehmen – so wie Iouri Podladtchikov vor vier Jahren in Vancouver. «Das ist Iouri!» Im Schatten der Superstars sorgte David Hablützel für einen weiteren Schweizer Coup. «Ich kann meinen Erfolg hier kaum fassen», sagte er. Der 17-jährige Sportschüler aus Zumikon erreichte auf Anhieb das Feld der Top 12. Und im Final reihte er sich unmittelbar hinter White als Fünfter ein. Christian Haller spielte am grossartigen Schweizer Abend mit dem 9. Platz keine angemessene Rolle, fand aber die richtigen Worte zur Würdigung für seinen langjährigen Konkurrenten und Trainingspartner: «Jahrelang hat er versucht, White zu schlagen. Im Olympiafinal schaffte er es. Das ist Iouri!»

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