Zum Hauptinhalt springen

Goldgräberstimmung am Nordpol

Russland und sieben weitere Staaten, die an die Arktis grenzen, erhoffen sich hier das grosse Geschäft. Das schmelzende Eis gibt neue Schiffsrouten frei und erleichtert den Zugang zu riesigen Öl- und Gasvorkommen. Der Arktisboom birgt allerdings Risiken.

Der Eisbär ist ein Opfer der globalen Erwärmung. Das Symboltier der Arktis leidet unter dem anhaltenden Rückgang des Meereises. Hier jagt es im Winter Robben, um sich die Fettreserven für den Sommer an Land anzufressen. Je weiter das Eis zurückgeht, desto kürzer wird seine Jagdsaison. Für die Wirtschaft allerdings ist diese Entwicklung zynischerweise ein Segen. Sie hat in den letzten Jahren eine wahre Goldgräberstimmung unter den Anrainerstaaten der Arktis ausgelöst. Denn das schmelzende Eis gibt gewaltige Schätze frei. 2008 wurde im Rahmen einer amerikanischen Studie erstmals eine umfassende Schätzung der Öl- und Gasvorkommen in der Arktis publiziert. Demnach sollen hier 13 Prozent der noch unerschlossenen weltweiten Ölreserven und 30 Prozent der globalen Gasreserven liegen. Über 80 Prozent der Vorkommen befinden sich zwar unter dem Meer. Grösstenteils jedoch in Gewässern, die nur wenige Hundert Meter tief sind und deshalb als Fördergebiete grundsätzlich in Frage kommen. Ausserdem locken in der Arktis Bodenschätze wie Erze, Edelmetalle und seltene Erden, die ebenfalls zugänglich werden, wenn das Eis schmilzt. Gestritten wird zwischen den Anrainerstaaten jedoch nach wie vor darum, wem welche Gebiete zustehen. Ein beträchtlicher Teil der Arktis ist eigentlich internationales Gewässer. Effekt wie der Suezkanal Eine eisfreie Arktis ist zudem für den globalen Handel höchst interessant. Der Seeweg durch das Nordpolarmeer verkürzt die Fahrt für Frachtschiffe von Asien nach Europa um rund einen Drittel. Das spart neben Zeit viel Geld. Der Effekt ist vergleichbar mit jenem, den die Eröffnung des Suezkanals auf die Schifffahrt hatte. Inzwischen ist die legendäre Nordostpassage bereits rund sechs Monate im Jahr für Frachter passierbar. Im vergangenen Jahr verkehrte der letzte noch im November. In 20 bis 30 Jahren soll der Seeweg in der Arktis das ganze Jahr über eisfrei sein. Sowohl Rohstoffförderung wie auch Schifffahrt gefährdeten jedoch eines «der letzten intakten Ökosysteme der Erde», sagt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Ihr Protest gegen die russische Ölplattform «Prirazlomnaja» hat das Thema in die Schlagzeilen gebracht. Die allererste kommerzielle Bohrinsel in der Arktis soll in einigen Monaten den Betrieb aufnehmen. Auslaufendes Öl, ob aus Bohrlöchern, Pipelines, Tankern oder auch schon gewöhnlichen Frachtschiffen, hätte dramatische Folgen auf das empfindliche Ökosystem der Arktis. Die Gefahr ist real, wie sich am Beispiel der Schifffahrt zeigt: Die internationale Schifffahrtsorganisation erwartet, dass bis 2030 rund ein Viertel des Verkehrs zwischen Europa und Asien über das Nordpolarmeer abgewickelt wird. Bislang erhielten pro Jahr nur einige wenige Schiffe die Durchfahrterlaubnis für die Nordostpassage, die komplett von Russland kon­trol­liert wird. 2013 sind es bislang etwas mehr als 400 Schiffe. Die Sicherheitsanforderungen wurden bereits gelockert. Ein gegen Eis verstärkter Rumpf war nicht mehr in jedem Fall Bedingung für die Fahrterlaubnis. Bohrinsel hat keine Zukunft Über die Zukunft der Rohstoffförderung in der Arktis wird die Entwicklung der Preise für Öl und Gas entscheiden. Denn sie ist nicht nur eine Gefahr für die Umwelt, sondern auch sehr teuer. Russland plant bislang die grössten Investitionen. Die sinkenden Erträge der traditionellen Quellen zwingen es dazu. Plattformen wie die «Prirazlomnaja» gehört jedoch kaum die Zukunft. Die alte Nordseebohrinsel wurde für die Arktis umgebaut. Das Öl, das sie fördert, soll mittels Tankern abtransportiert werden. Inmitten des Eismeeres ist das ein grosses Risiko. In Norwegen, wo bereits seit einigen Jahren das Gasfeld «Snøhvit» in der Barentssee ausgebeutet wird, setzt man dar­um auf automatische Systeme. Die Förderung kann dadurch von den Plattformen direkt auf den Meeresboden verlegt werden. Eine beheizte Pipeline bringt Öl oder Gas dann ans Festland. Die Technik muss noch weiterentwickelt werden, soll aber dazu beitragen, das Risiko zu verkleinern.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch