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Grossstadt und Dschungel

Die neue CD des schweizerisch-indischen Trompeters Martin Dahanukar trägt den Titel «Scent of Jungle» und entführt uns in hitzig-flirrende Klangwelten. Demnächst ist Dahanukar mit seinem Quartett zu Gast in Winterthur.

Seit über einem Jahrzehnt verfolgt Martin Dahanukar seine musikalischen Visionen ohne Rücksicht auf Verluste: Der Berner Trompeter, Komponist und Bandleader mit indischen Wurzeln ist ein kantiger Charakterkopf, für den aufwühlende Emotionalität ganz klar wichtiger ist als glatte Perfektion. Wenn es dar­um geht, düster-schwüle, hitzig-flirrende oder mysteriöse Stimmungen in atmosphärisch dichte, spannungsvolle Musik umzusetzen, ist Dahanukar in seinem Element.

Das Quartett, mit dem Martin Dahanukar in Winterthur auftreten wird, gibt es seit 1999. Die druckvolle Rhythmusgruppe besteht aus dem agilen Bassisten Sam Joss und dem draufgängerischen Schlagzeuger Peter Horisberger – dazu kommt mit Vinz Vonlanthen ein flippiger Elektrogitarrist, der die Band mit einer Vielzahl von Sounds (von schön bis schräg) versorgt. Dahanukar selbst charakterisiert seine Musik folgendermassen: «Im Grunde bin ich ein Romantiker. Ich suche das Sinnliche. Klar, ich lebe in dieser Welt, die zunehmend verästelt ist und ihre dunklen Seiten hat, und es ist auch klar, dass diese Welt sich mit all ihren Facetten in meiner Musik widerspiegelt. Doch ich will dem Kaputten nicht mit Resi­gnation begegnen. Ich stelle ihm eine Schönheit entgegen, eine Art von Hoffnung sogar. Es geht hier nicht um Anklage, eher noch um Trost.»

In ihren stärksten Momenten erreicht diese Gruppe eine Dringlichkeit, bei der die Eingeweide ganz schön ins Vibrieren geraten. Ein Stück wie «Queen Cobra» mit seinen blitzschnellen Rhythmuswechseln und seiner eckig-zerrissenen Melodie hätte zum Beispiel auch gut ins Repertoire der legendären Rock-Jazz-Formation Lifetime des Schlagzeugers Tony Williams gepasst. Zu hören gibt es dieses Stück auf dem Album «Garuda», das vor vier Jahren erschien. Die neueste CD des expressiven Trompeters trägt den Titel «Scent of Jungle» und weist selbstverständlich den typischen Dahanukar-Touch auf: eine multikulturelle Mischung aus Elec­tric-Jazz, indischen Elementen und groovenden Jazz-Turbulenzen à la Mingus. Diese Musik erinnert uns dar­an, dass die Grossstadt auch ein Dschungel ist (in Indien natürlich erst recht).

«Mother India»

Dass Indien eine zentrale Inspirationsquelle für Dahanukar ist, hat auch ganz konkrete biografische Gründe, stammt doch seine Mutter aus diesem riesigen Land, in dem ihr Sohn bereits mehrmals aufgetreten ist. Dahanukar ist allerdings weder ein Zivilisationsflüchtling auf dem Meditationstrip noch ein neoimperialistischer Goa-Party-Freak. Sein Indien-Bild ist frei von vernebeltem Idealismus und oszilliert auf faszinierende Weise zwischen der Kenntnis der langen Tradition der klassischen indischen Musik und endzeitlich-urbanen Phantasmagorien: der fahle Widerschein der Neonreklamen westlicher Multis in den stinkenden Slums.

Die indische Musik setzt sich nicht zuletzt aus einer Vielzahl von Modi (Tonleitern) zusammen, die mit bestimmten Tageszeiten in Verbindung gebracht werden – von phrygisch am Morgen bis lydisch in der Nacht. In seiner Verwendung dieser Modi beruft sich Dahanukar auf wichtige Vorläufer im Jazzbereich wie John Coltrane und Woody Shaw. Im rhythmischen Bereich basieren die Kompositionen Dahanukars nicht vornehmlich auf der additiven Metrik Indiens, sondern auf den ungeraden Grooves aus der New Yorker M-Base-Ecke, in der ja auch Coltranes Sohn Ravi hockt. Die Annäherung an diese Groove-Ästhetik geschah auf In­itia­ti­ve des Schlagzeugers Peter Horisberger, mit dem Dahanukar seit etlichen Jahren eng kooperiert.

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