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Gute Reaktion auf steigenden Druck

Statt als erneut über Honduras gestolperter Favorit flogen die Schweizer in der Vorfreude auf ein Spiel gegen Lionel Messis Argentinier vier Stunden durch die Nacht.

Zwei Worte prägten die Schweizer Stimmung nach dem 3:0 gegen Honduras: Druck und Reaktion. Und weil sie unter offensichtlich sehr starkem Druck eine gute Reaktion gezeigt hatten, flogen die Schweizer bald nach Spielschluss vier Stunden zurück aus der Dschungelstadt Manaus in ihr Camp im klimatisch relativ gemässigten Porto Seguro an der Atlantikküste. Dort bleiben sie jetzt noch ein paar Tage, andernfalls wären sie heute Freitag Richtung Heimat aufgebrochen. Man muss sich also nicht vorstellen, wie die Stimmung im Flieger gewesen wäre nach einem neuerlichen Scheitern gegen die Honduraner, wie vor vier Jahren in Südafrika. Selbst für Ottmar Hitzfeld, den alten Fahrensmann, waren «die letzten fünf Tage eine harte Zeit» – nach all den Kritiken aufs 2:5 gegen die Franzosen, mochten die aus seiner Sicht teilweise auch überzogen gewesen sein. Oder Diego Benaglio, sein Vizecaptain: «Es ist ein grosser Druck von uns abgefallen. Wir wussten, es braucht eine Reaktion – und das ist gelungen, eindrücklich.» Sie hätten sich «nochmals in Erinnerung gerufen, dass wir eine überragende Qualifikation spielten. Aber die können wir nur vergolden mit einer Qualifikation für die Achtelfinals.» Oder Admir Mehmedi, lakonisch wie meist: «Eine 2:5-Klatsche kann ab und zu gut tun. Wir sind zusammengerückt. Es zeigt die Moral, wenn man so zurück. kommt. Diese Reaktion ist sehr wichtig.» Und Fabian Schär, der WM-Debütant: «Die Reaktion ist gelungen. Wir wollten unbedingt in die Achtelfinals. Aber der Druck war schon riesig.» Dieser Druck sei jetzt «abgefallen» und dieses ersehnte Ergebnis sei auch «verdient». Valon Behrami bringt zwar die Erfahrung aus zwei – persönlich missratenen – Endrunden mit, sagt aber auch: «Die letzten paar Tage waren nicht einfach, wir haben doch den Druck gespürt. Aber dann spielten wir intelligent und verteidigten wir kompakt.» Es sei auch gut gewesen, «dass der Trainer die Ruhe bewahrte – und dann stand eine starke und einige Mannschaft auf dem Platz.» Dem Captain Gökhan Inler machte «die Reaktion am meisten Freude. Es war nicht einfach nach einem solchen Spiel wie gegen Frankreich einen guten Match zu machen. Aber wir waren von unserem Staff auch gut vorbereitet, wir waren körperlich besser bereit als die Honduraner. Und jetzt freue ich mich aufs Spiel gegen die Argentinier, denn dort spielen ein paar, die ich kenne, die Kollegen sind.» Ein Duo, das harmoniert Und da war noch das Duo der Matchwinner, Xherdan Shaqiri mit seinen drei Toren, Josip Drmic mit seinen zwei perfekten Assists. «Ich wollte mit der Mannschaft einfach eine gute Leistung zeigen,» sagte Shaqiri nach dem Match, der auf die Kritiken folgte, die ihn erklärtermassen «genervt» hatten. «Jetzt bin ich stolz auf die Mannschaft, die mir eine gute Leistung ermöglichte.» Es war ja auch offensichtlich, wie herzlich sich Shaqiri bei seinem Kollegen Drmic für die Zuspiele bedankte: «Das hat gut getan,» sagte Drmic, «und das hat gezeigt, was für ein Typ Xherdan ist. Ich aber bin einfach froh, dass mir die Assists gelungen sind.» Sie verstünden sich zwischenmenschlich schon sehr gut, liess Drmic noch wissen. «Es war aber auch so, dass sich das Spiel mit Xherdan im Zen­trum veränderte. Er will den Ball immer. Ich bin froh, dass wir so gut harmonierten und hoffe, es geht weiter so.» Natürlich wird der gebürtige Kroate Drmic noch immer bei jeder Gelegenheit dar­auf angesprochen, dass er einst von der Gemeinde Freienbach erst im wiederholten Anlauf eingebürgert wurde. Jetzt sagt er nur: «Man weiss, dass ich damit nicht glücklich war. Aber jetzt bin ich A-Nationalspieler und stehe vor einem WM-Achtelfinal gegen Argentinien.» Das muss als Antwort genügen. Matchball für Shaqiri In Manaus hatte Drmic noch einige Mühe bekundet, die Anforderungen der Dopingkontrolle zu bestehen. Er verpasste deshalb die erste spontane Qualifikationsfeier in der Kabine. Shaqiri hatte sich derweil noch auf dem Feld einen Matchball geschnappt – ein Recht wie das vor allem in England Hattrick-Torschützen zusteht. Drei Tore in einem WM-Spiel, das hat vor ihm erst ein Schweizer geschafft, auch der einer aus der Schule des FC Basel: Seppe Hügi schoss im Viertelfinal 1954, der «Hitzeschlacht von Lausanne», das 2:0, das 3:0 und später das 5:6 gegen Österreich. Das änderte nichts daran, dass die Schweiz verlor. Das 5:7 ist bis heute das torreichste Spiel der WM-Geschichte. Seither hat die Schweiz an einer Endrunde nie mehr so viele Tore geschossen wie die sieben, die sie in den drei Vorrundenspielen in Brasilien zustandebrachte. Sie hat dabei auch gezeigt, wie wenig wert im Fussball Statistiken sind – mit Ausnahme der Tore selbstredend: Gegen Frankreich verlor sie klar, obwohl sie 57 Prozent Ballbesitz hatte und auch mehr lief, wenn auch nur einen halben Kilometer. Dafür schlug sie Honduras, obwohl sie – mit 40 Prozent – deutlich oft am Ball war. Der Statistik entsprach nur der Sieg gegen Ecuador, mit einem klaren Plus an Ballbesitz (56:44) und an Laufkilometern (113,6:98,9). Immerhin, auch im tropischen Manaus sind die Mitteleuropäer aus der Schweiz deutlich mehr gerannt als die Mittelamerikaner aus Honduras, nämlich als Mannschaft zwölf Kilometer. Fragt sich nur, wie viel derlei Zahlen einen wie Lionel Messi interessieren, den grossen Argentinier, auf den sich die Schweizer jetzt alle freuen – wenigstens bis zum Dienstag. hjs

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