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«Habt ihr dar­über schon gelacht?»

Erneut ist der deutsche Komiker Nico ­Semsrott im Casinotheater brillant gescheitert. Witziges und intelligentes Kabarett, das ins Herz der Zeit trifft.

Wann darf sich eigentlich ein Leistungsverweigerer, der Demotivations-Workshops anbietet, für erfolgreich halten? Nico Semsrott thematisiert das Problem gleich zu Beginn: «Ich beleidige jeden Abend die Leistungsgesellschaft, und nun bekomme ich einen Kabarettpreis nach dem andern», formuliert er am Donnerstag im ausverkauften Casinotheater sein Dilemma.

«Du hast die Wahl»

Es ist nicht die einzige problemorientierte Struktur, die er präsentiert und mittels Power-Point-Präsentationen schmissig visualisiert. «Freude ist nur ein Mangel an Information» lautet das Motto. Der 28-jährige deutsche Komiker bietet davon am Donnerstag die Version «Update 1.5».

Semsrott trägt Jeans und einen schwarzen Kapuzenpullover – äussere Erscheinung, Haltung und Tonfall imitieren täuschend echt einen perspektivlosen Jugendlichen, der an einem Übermass an Informationen leidet und sich selbst im Weg steht. Im Verlauf des Abends wird klar: Diese Figur, das sind ein wenig wir alle. Für jedes Problem gibt es eine Lösung – soweit die Theorie. In der Praxis präsentiert sich die Lage komplexer. Ständig gilt es eine Wahl zu treffen. «Du hast die Wahl» steht gross auf der Leinwand. Die beiden zur Verfügung stehenden Optionen sind «Ich entscheide mich» und «Ich entscheide mich nicht», wobei Letzteres natürlich ebenfalls eine Entscheidung darstellt.

Semsrott bringt die Ausweglosigkeit glasklar und mit trockenem Humor auf den Punkt. Es gibt viel zu lachen an diesem Abend, und oft lacht man über sich selbst. Was zu einem glücklichen Leben gehören würde, ist klar, weit weniger klar ist, wann man welche Entscheidung dafür treffen müsste. Wer hätte gedacht, dass wir einmal zwischen hundert Schokoladesorten wählen können? So etwas ist evolutionär nicht vorgesehen.

Trocken aus dem Handgelenk

Mit dem Angebot an Möglichkeiten steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass man sich für das Falsche entscheidet. Davon ist die menschliche Natur schlicht überfordert. Genauso von den deprimierenden Nachrichten, die uns jeden Tag überrollen. Auch mit ihnen konfrontiert Semsrott sein Publikum: «Wie viele Arbeitsplätze bei uns ist eine Menschenrechtsverletzung bei den modernen Sklaven am anderen Ende der Welt wert?» Dann wird es ganz still im Saal, auf eine lustige Pointe wartet man vergebens.

Hier stimmt nicht nur die Verpackung, dieser Kabarettist hat auch etwas zu sagen. Sein Depressionsprogramm stellt das «Profitmaximierungs-Weltbild» bloss, das uns Tag für Tag als Glaubensbekenntnis vorgebetet wird. Aber was soll man machen, der Einzelne ist dagegen machtlos. Wirklich? «Ich allein kann ja eh nichts machen», lässt Semsrott den ganzen Saal im Chor aufsagen. Und kommentiert: «Wenn man das lange genug sagt, glaubt man es irgendwann, wie in der Kirche.»

Trockene Sätze aus dem Handgelenk, die sitzen. Nico Semsrott nimmt das Publikum so elegant und intelligent gefangen, dass man ihm auch seine Klartext-Botschaften abnimmt. Immer wieder tritt er ein paar Schritte zurück und betrachtet das Ganze von aussen. Und was er sieht, ist zum Lachen und zum Weinen. Selbst diese Show, die einem festgelegten Ablauf folgt. Einmal blickt er auf die Liste an der Leinwand und fragt: «Habt ihr dar­über schon gelacht?» Helmut Dworschak

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